Sidonie umarmte ihre zitternde Freundin und raunte: »Mut, Richilde! wir müssen uns durchkämpfen!«
Hans hatte sich das heißersehnte Wiedersehen mit Juliane allerdings anders gedacht, als es jetzt hier, in dieser Umgebung, unter den obwaltenden Umständen und in der bei Juliane vorauszusetzenden Stimmung stattfinden konnte. Dennoch ging er demselben mit seinem guten Gewissen fröhlich und in der Hoffnung entgegen, daß auch sie das unvermutete Zusammentreffen mit ihm trotz der leidigen Veranlassung erfreuen und trösten, und daß seine Gegenwart beruhigend und versöhnlich auf sie wirken würde.
Der Abt und Juliane kannten sich bereits oberflächlich von früher her. Seine achtungsvolle Begrüßung beim Eintritt in das Sprechzimmer unterbrach sie mit der hastigen Frage: »Ist meine Tochter hier?«
»Ja, gnädige Frau!« erwiderte der Abt. »Gestern spät abends sind sie gekommen; aber seid unbesorgt! es ist nichts geschehen und wird nichts geschehen, was gegen Euren Wunsch und Willen wäre.«
»Gott sei gedankt!« atmete sie erleichtert auf, »und auch Euch, hochwürdigster Herr! Ich fürchtete schon das Schlimmste.«
»Wäre es denn etwas gar so Schlimmes, wenn sie des ritterlichen Junkers Frau würde?« frug er mit einem milden Lächeln.
»Es ist ein Landschad!« stieß sie grollend hervor.
Herr Meinhard führte sie zu einer längs der Wand hinlaufenden Bank und sagte: »Es wird sogleich ein würdigerer Raum zu Eurem Empfange bereit sein; nehmt einstweilen hier fürlieb. Eure Tochter ist in guter Obhut.«
»Gebt sie mir heraus, daß ich sie mitnehme, wohin sie gehört!« entgegnete sie finster, nahm aber doch Platz, denn sie war von dem anstrengenden Ritt und der marternden Angst, zu spät zu kommen, sichtlich erschöpft.