Hans schwieg; aber statt seiner antwortete Sidonie: »Seht Ihr nicht die breite Wunde an Ohm Hansens Stirn? Die hat er für Euch davongetragen.«
»Für mich?!« frug sie im höchsten Erstaunen und sich schnell zu Sidonien umwendend.
»Ja, für Euch! Euretwegen hat er sich mit Bruno von Bödigheim auf Leben und Tod geschlagen, hat den Streich empfangen, der ihn niederstreckte, und hat in Fieber und Schmerzen lange daran festgelegen. Dies ist heute sein erster Ritt wieder.«
»Schweig, Sidonie!« sagte Hans, »von solchen Kleinigkeiten macht man nicht groß Aufhebens.« Es tat ihm schon leid, daß er sich zu einer Entgegnung auf Julianens scharfe Bemerkung hatte hinreißen lassen und dadurch Sidonien zur Erwähnung seines Zweikampfes angeregt hatte.
Juliane aber war sprachlos. Wie gehässig hatte sie eben noch von dieser Wunde gedacht! Zu ihrem Glück herrschte in dem Gange, den sie jetzt dahinschritten, ziemliche Dämmerung, so daß Niemand die Verwirrung und Erschütterung gewahr wurde, die sich ihrer bei dieser äußerst überraschenden Kunde bemächtigt hatte. Sie ging sehr langsam, nur um Zeit zu gewinnen, sich fassen und sammeln zu können.
So kamen sie in das Refektorium und setzten sich mit Juliane um den Tisch, auf dem schon Speise und Trank bereitstand. Der Prior Paraeus gesellte sich wieder zu ihnen und war allen willkommen, denn der kluge Mann wandte das Gespräch von der mißlichen Angelegenheit ab, derentwegen Juliane hier war, und brachte es auf andere Dinge, so daß es einen durchaus unverfänglichen Verlauf nahm.
Juliane genoß von dem reichlich Gebotenen nur wenig. Ihr war nach dem, was sie von Sidonie erfahren hatte, der Hunger vergangen. Sie war von einer tiefen Unruhe erfüllt und mußte immer wieder auf Hans und seine Narbe sehen, als wollte sie ihn bis auf Herzensgrund erforschen, was ihn, an dessen Liebe sie nicht mehr glaubte, bewogen haben konnte, sein Leben für sie einzusetzen. Da nun Hansens Augen unverwandt an Julianens Antlitz hingen, so kam es, daß sich beider Blicke öfter begegneten und wohl gar, fast ohne Wissen und Willen Julianens, einen Atemzug lang ineinander ruhten.
Er hielt ihr auffallend, ja verletzend schroffes Benehmen gegen ihn ihrem Zorn über Richildens Entführung und ihrem vielleicht nicht schnell genug beseitigten Verdacht, daß er seine Hand dabei im Spiele gehabt hätte, zugute und trug es ihr nicht nach. Vielmehr freute es ihn, daß sie nun allmählich anfing, ihm auf die Reden, die er an sie richtete, wieder eine etwas verbindlichere Antwort zu geben, wenn auch darin immer noch ein verhaltener Groll gegen ihn nachzitterte, den er sich nicht erklären konnte.
Sidonie nahm jetzt wenig teil an der Unterhaltung. Bald richtete sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf Juliane, bald saß sie wie geistesabwesend in ihre eigenen Gedanken versunken und schlüpfte endlich hinaus, um Ernst und Richilde aufzusuchen und ihnen den Hergang bei Julianens Einkehr zu berichten.