Sie fand die ihrer schon ungeduldig Harrenden im Klostergarten und erzählte ihnen alles haarklein und der Wahrheit gemäß, damit schließend: »Laßt euch nur heute vor Frau Juliane nicht mehr blicken; morgen will der Abt mit ihr reden, und ich habe noch Hoffnung für euch.«
»Ach, Sidonie!« sprach Richilde, »ich kann nicht schlafen, ehe meine Mutter mir nicht verziehen hat. Kannst du mir nicht heute noch eine Unterredung mit ihr verschaffen? ich will mich ihr zu Füßen werfen –«
»Heute noch?« erwiderte Sidonie. »Sie ist in böser Stimmung, Richilde! Aber ich will versuchen, sie zu bewegen, daß sie dich zu Nacht noch vor sich läßt. Gelingt es mir, so komm' ich und hole dich. Jetzt aber versteckt euch, verkriecht euch, verschließt euch in eure Zelle, – das heißt,« fügte sie schelmisch drohend hinzu, »getrennt, jeder allein in die seinige!«
Die Getrösteten versprachen, den Rat zu befolgen, und Ernst erging sich in bitterer Selbstanklage, daß er Josephinen zu viel Vertrauen geschenkt hatte, denn sie allein konnte Frau Juliane die Flucht und das Ziel derselben verraten haben. Hätte er das nicht getan, so hätten Richilde und Sidonie nach der beharrlichen Weigerung des Abtes, der heimlichen Liebe seinen Segen zu geben, ruhig nach Zwingenberg reiten können, und Frau Juliane hätte von der Entführung vielleicht niemals etwas erfahren. Ohm Hans würde wohl geschwiegen haben, und sie hätten ihr den kecken Streich später einmal, wenn sie das Glück ihrer Vereinigung auf andere Weise gefunden hatten, in einer traulichen Stunde gebeichtet. Zu solchen Betrachtungen war es aber nun leider zu spät.
Sidonie überließ die beiden sich selbst und wandelte noch eine Weile sinnend im einsamen Kreuzgang auf und nieder, nur mit dem Schicksale des Paares beschäftigt, das mit Abt und Prior allein geblieben war. Sie hatte die Blicke beobachtet, mit denen sich Hans und Juliane angesehen hatten, zog daraus ihre Schlüsse und baute darauf ihre Hoffnung. »So muß es gehen,« sprach sie zu sich selber, »so muß es gehen, oder die Glut verlangender Sehnsucht ist ein Ammenmärchen und die Macht des Liebesgottes keinen Pfifferling wert!« Sie besah sich die Gelegenheit, die Zugänge zum Kreuzgang, spähte, wohin Türen und Treppen führten, und spürte ringsum. »Die Fenster dort oben sind störend, da sind die Zellen der Mönche; aber diese Glatzköpfe schlafen gewiß wie die Murmeltiere. Freilich, man müßte sich vorsehen; – hm! ja, ja! das ist gut! so wird's gemacht! punktum! und nun vorwärts!« Ihr Plan war fertig, und ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen, kehrte sie in das Refektorium zurück, dort aber mit einem so gleichgültigen und harmlosen Gesicht eintretend, als könnte sie nicht bis fünf zählen.
Mittlerweile war es Abend geworden, und Juliane begehrte nach Ruhe. Sich bei Abt und Prior mit ihrer Abgespanntheit entschuldigend, sagte sie ihnen freundlich gute Nacht, Hans und Sidonie nur mit einem sehr kühlen und knappen Gruß abfindend. Zwei Laienbrüder leuchteten ihr die Treppe hinauf zu der für sie bestimmten, mit möglichster Bequemlichkeit ausgestatteten Zelle, in welcher, ebenso wie in den Zellen der beiden Mädchen, ein schwarzes Mönchsgewand hing. –
Wie aber hatte Juliane die Flucht und den Aufenthaltsort Richildens erfahren?
Das war so gekommen:
Sie war einsam und allein, so allein, wie sie sich in ihrem Leben noch nicht gefühlt hatte, und saß wie gewöhnlich auch an dem Morgen, nachdem tags zuvor die drei jungen Mädchen nach Zwingenberg – wie sie annahm – abgeritten waren, wieder in ihrem Erker, den Blick leer und hoffnungslos in die Ferne gerichtet. Da kam Petrissa und meldete: »Gnädige Frau, draußen ist der Sohn des Sterndeuters Isaak Zachäus und begehrt Euch zu sprechen; er hat eine Botschaft an Euch von seinem Vater.«
»Des Sterndeuters Sohn?« frug Juliane erstaunt, »führ' ihn herein!«