Nun befand sie sich hier in dieser engen Klosterzelle, mit der Ungehorsamen, die sie noch nicht wiedergesehen hatte und noch nicht wiedersehen wollte, unter einem Dache. Sie hatte die Tür hinter sich verriegelt und sich, den Kopf in die Hand gestützt, auf einen Schemel an das mit einer Decke verhangene Fenster gesetzt. Zum Schlafen war sie noch zu überreizt; sie hatte nur allein sein wollen, um das in sich zu verarbeiten, was ihr der heutige Tag an Aufregendem und Unbegreiflichem gebracht hatte.

Die Gefahr einer Verbindung Richildens mit einem Landschaden war dank der Gewissenhaftigkeit des würdigen Abtes für dieses Mal glücklich überstanden, und Juliane glaubte ihrer Tochter auch für die nächste Zukunft sicher zu sein, indem sie die Aufsässige morgen mit sich zurücknehmen und unter keinem Vorwande ohne ihre Begleitung wieder aus der Burg herauslassen wollte. Dieses ihr erst so bedrohlich scheinende, nun so kindisch und lächerlich vorkommende Possenspiel von einer Entführung war also für Juliane so gut wie abgetan und trat in ihren Gedanken schon weit zurück gegen das ihr noch gar nicht zu Sinne wollende Ereignis, daß sich Hans für sie geschlagen hatte.

»Hm! für mich geschlagen!« sprach sie nach längerem Nachsinnen mit gekräuselter Lippe. »Bödigheim – der einzig Ehrliche – der Treue, den ich abwies – hat von dem Recht der Hagestolze und dem Plan der Landschaden gehört, dessen Opfer ich werden sollte. Seiner Schwester Elisabeth, die mich warnte, wollte ich nicht glauben. Da hat er selber dem Übermütigen seine Schändlichkeit vorgehalten, hat ihn, um mich zu rächen und zu retten, zum Zweikampf herausgefordert; der Junker Hagestolz hat einen wohlverdienten Hieb davongetragen, – und nun heißt es: er hat sich für mich geschlagen! er! für mich!«

So saß sie und grübelte in ihrer Verbitterung, und kein Schlaf kam in ihre Augen. Da klopfte es leise an die Tür. Sie fuhr erschrocken auf. Wer konnte sie jetzt noch stören wollen? Sie hatte sich wohl getäuscht; aber da klopfte es noch einmal. Sie eilte an die Tür und frug: »Wer ist da?«

»Ich bin es, Sidonie,« erhielt sie zur Antwort.

»Was willst du?« erwiderte sie barsch.

»Bitte, öffnet! ich muß Euch dringend sprechen,« flüsterte es draußen.

Juliane schob den Riegel zurück und ließ Sidonien eintreten, sie mit einem strengen und erstaunten Blicke messend.

»Frau Juliane,« begann das Mädchen, »ich finde nicht Ruhe, ehe ich nicht mein Gewissen erleichtert und mich Euch gegenüber als Hauptschuldige an dem unbesonnenen Streiche bekannt habe, der Euch, wie ich nun wohl einsehe, aufs schwerste beleidigen mußte. Worin meine Schuld besteht, sag' ich Euch ein andermal; denn soviel mir auch an Eurer Verzeihung gelegen ist, und so rastlos und eifrig ich mich auch bemühen werde, mir dieselbe zu verdienen, so mute ich Euch doch keineswegs zu, sie mir heute schon jetzt, hier auf der Stelle zu gewähren.«

»Wäre auch eine starke Zumutung!« sagte Juliane.