»Ich habe eine andere Bitte,« fuhr Sidonie fort, »die große, herzliche Bitte, daß Ihr Richilden verzeihen möchtet, in deren Auftrag ich komme.«

»Warum du? warum kommt sie nicht selber?« frug Juliane.

»Ihr wolltet sie ja vor morgen nicht sehen, hattet Ihr gesagt,« erwiderte Sidonie. »Aber sie läßt nun fragen, ob sie sich nicht heute noch Euch zu Füßen werfen und Euch um Eure Verzeihung anflehen dürfte.«

Juliane schwieg.

»Richilde bereut, was sie getan hat,« fuhr Sidonie fort, »und kein Auge würde sie schließen können, solange sie Euch im Zorn wüßte. Darum bittet sie und bitte ich Euch, sie anzuhören, was sie Euch zu sagen hat, und nicht die Nacht vergehen zu lassen, ohne ihr von Herzen verziehen zu haben.«

»So laß sie kommen und hinnehmen, was ihr gebührt!« sprach Juliane mit einem Tone, der nichts Versöhnliches hatte.

»O nicht hier kann das geschehen,« erwiderte Sidonie; »in einem Kloster haben alle Wände Ohren.«

»Wenn sie nicht zu mir kommt, – ich gehe ihr keinen Schritt entgegen,« versetzte Juliane.

»Ich habe mit Richilde verabredet,« sprach Sidonie immer dringlicher, »daß sie Euch, sobald die Nachtglocke geläutet hat, die jeden Mönch in seine Zelle bannt, unten im Kreuzgang erwarten soll, wo euch niemand belauschen kann.«

»Im Kreuzgange? sind wir dort sicher, nicht gehört zu werden?«