Vierundzwanzigstes Kapitel.
In den Klostergarten schien der Mond und sandte sein bläulich silbernes Licht auch in die eine Hälfte des Kreuzganges hinein, daß sich die Schatten der Rundbögen mit den kleinen Säulen und zierlichen Kapitälen auf den hellen Steinplatten des Fußbodens zeichneten, indessen die andere Hälfte eine traumhafte Dämmerung umfing.
Jetzt tönte das Läuten einer Glocke durch die Stille der Nacht, schallte eine Zeitlang in gleichmäßigen Schwingungen von der Höhe des Turmes herab und verstummte wieder. Gleich darauf vernahm man im Kloster ein gedämpftes Stimmengemurmel und ein zögerndes Gehen, das beides allmählich verhallte und sich in der Ferne verlor; hier und da klappte eine Tür, schloß sich ein Fenster, und die letzten Lichter verlöschten. Dann war ringsumher so tiefe Ruhe, als würden diese weitläufigen Gebäude von keinem lebenden Wesen bewohnt.
Geraume Weile wurde diese vollkommene Stille durch nichts unterbrochen. Das Mondlicht lag auf den Dächern und hing an den grauen Steinwänden mit einer schweigsamen Feierlichkeit, die keine Störung vertrug und keine andere Wirkung, als die von Licht und Schatten neben sich aufkommen ließ.
Aber nicht lange sollte es so bleiben. Bald schien es, als ob sich im Kreuzgang etwas Dunkles bewegte, an der Mauer entlang gespenstisch dahin schwebte und auf dem Wege zur Kirche in der Dämmerung verschwand. Dann kam etwas mit leichten, leisen Tritten eine Treppe herab, und in dem der Stelle der ersten Erscheinung gegenüberliegenden Teile des Kreuzganges zeigte sich eine schwarze Mönchsgestalt. Der ganz Vermummte blickte nach rechts und nach links, scheu und unschlüssig, nach welcher Seite er sich wenden sollte. Auch er wandelte endlich langsam, schleichenden Fußes der Kirche zu, blieb manchmal stehen, lauschte und spähte umher, schritt dann weiter bis zur Biegung des Kreuzganges, wo er plötzlich wie gebannt anhielt. Dort auf der Bank in der Mitte dieses Ganges sah er eine andere schwarze Gestalt sitzen, gleichfalls bis über das Haupt verhüllt, die sich nicht regte, aber dem zuletzt Gekommenen das Antlitz zukehrte und ihn zu erwarten schien. So blickte jeder den anderen schweigend an, ohne dessen Gesicht und Augen sehen zu können. Dann näherte sich der stehende Mönch dem sitzenden; dieser breitete die Arme aus, und sich erhebend umfing er jenen, der sich selber rasch an seine Brust warf. Ein Aufschrei, – und schnell suchte sich der Umschlungene aus den Armen des ihn Haltenden zu befreien. »Das ist Richilde nicht!« sprach der letztere betroffen.
»Laßt mich los, oder ich rufe um Hilfe!« drohte der andere in seiner Angst.
»Juliane!!« – eine ganze Stufenleiter von Tönen drückte beim Nennen dieses Namens das höchste, überraschteste Staunen des Sprechers aus.