»Das Recht der Hagestolze?« wiederholte Hans befremdet und langsam, »was ist das? Ich bin freilich ein armer Hagestolz und habe, Gott sei Dank! wenig Pflichten; aber daß ich als solcher auch ein Recht hätte, hab' ich bislang noch nicht gewußt. Klärt mich darüber auf, liebste Freundin, damit ich imstande bin, mein Recht wahrzunehmen.« Er setzte sich auf die Bank und lud sie noch einmal mit einer Handbewegung ein, neben ihm Platz zu nehmen.

Sie blieb jedoch vor ihm stehen und sagte gereizt: »Junker Hans Landschad, glaubt nicht, Euren Spott mit mit treiben zu können! Ich frage Euch jetzt auf Euer Ritterwort: Wißt Ihr nichts vom Recht der Hagestolze? wißt Ihr nicht, welchen Plan man gegen mich geschmiedet hat, um mich – oh, ich bringe es nicht über die Lippen.«

»Auf mein Ritterwort, Juliane! ich weiß nichts von alledem; ich verstehe nicht, ich ahne nicht einmal, was Ihr meint und wo Ihr damit hinaus wollt,« entgegnete er tief erregt.

Ehe er ausgeredet hatte, saß sie neben ihm und starrte ihn regungslos, wortlos an.

»Sollte sich aber irgend jemand unterstehen,« fuhr er immer heftiger werdend fort, »es sei, wer es sei, Euch mit Plänen und Absichten zu nahe zu treten, die Euch im mindesten unangenehm wären, so soll er meinen Arm zu fühlen bekommen, so wahr ich Hans Landschad heiße! Genügt Euch das?«

»Ja! ja!« sagte sie bloß, aber ihre Stimme bebte, als würde sie von Tränen erstickt. Sie ergriff seine Hand und drückte sie mit aller Kraft und hielt sie fest, als wollte sie sie nie wieder loslassen. Die Kapuze war ihr vom Haupte gefallen; in ihrem Busen stürmte und wogte es, und es gelang ihr nicht, ihre gewaltige Bewegung vor ihm zu verbergen.

»Juliane, was ist Euch?« frug er erschrocken. »Ihr zittert; was ist geschehen? ich bitte Euch, erklärt mir –«

»Man hat Euch verleumdet,« stieß sie heraus, »und ich – ich habe Euch viel abzubitten, Hans Landschad! jetzt könnte ich selber vor Scham in den Boden sinken, aber sagen – kann ich Euch nichts.« Ihr Atem ging hörbar, und es klang wie unterdrücktes Schluchzen. Unwillkürlich lehnte sie ihr Haupt an seine Schulter, als müßte sie Halt und Stütze an ihm suchen.

Da schlang er den Arm um sie und zog sie näher und näher; sie ließ es geschehen, schmiegte sich, preßte sich an ihn, hob ihr Antlitz zu ihm empor, und lange, lange ruhte sein Mund auf ihrem Munde. Dann flüsterte er: »Juliane! Juliane! – und wenn diese Mauern über uns zusammenbrächen und uns unter ihrem Schutte begrüben, ich muß es sagen, ich kann nicht anders. Juliane, – ich liebe dich! ich liebe dich vieltausendmal mehr, als mein Leben, und wenn du nicht mein wirst –« Er konnte nicht weiter sprechen.

»Dein! – dein!« stammelte sie, umhalste und küßte ihn, als wollte sie seine Seele bis auf den letzten Hauch in ihre Seele ziehen. Dann blickte sie ihm nahe, tief in die Augen, und das blühende, lächelnde Frauengesicht mit dem aschblonden Haar schaute gar anmutig und lieblich aus der dunklen Mönchskutte heraus. Schwärmerisch sagte sie: »Hans, so kannst du mich doch nicht lieben, wie ich dich liebe!«