»Ihr Recht!« wiederholte sie mit einem stechenden Blick, »Ihr wißt wohl, Herr Sohn, daß unsere Meinungen über Recht und Unrecht weit auseinander gehen.«
»Gott sei gelobt, ja, das tun sie!« lachte der Ritter, »und meine Tochter ist nicht dazu angelegt, eine Nonne zu werden.«
»Aber Zucht und Sitte muß sie lernen,« eiferte Frau Margarete mit steigender Heftigkeit, »und die werde ich ihr beibringen, wenn es kein anderer tut und sie just nicht das beste Beispiel vor Augen hat.«
»Meint Ihr damit mich oder Julianen?« frug er mit behaglichem Spott.
»Nehmt's nach Belieben, Herr Sohn!« entgegnete sie wegwerfend.
»So will ich Euch sagen, Frau Schwieger,« brauste der Ritter auf, »daß ich meine Kinder auch nach meinem Belieben erziehe und nicht nach dem Euren. Und wenn die Mädchen auf der Minneburg den ganzen Tag von früh bis spät singen und springen, reiten, schießen und fechten und meinetwegen auf die Bäume klettern und sich die Kirschen selber pflücken, – mir soll's recht sein. Was sagst du, Ernst?« wandte er sich zu diesem, »möchtest du einmal eine Frau haben, die besser spinnen als reiten kann? Dazu rate ich dir nicht; lieber zu toll, als zu fromm!«
»Tugendhafte Grundsätze!« bemerkte Margarete mit einem höhnischen Zug um den Mund.
Ernst hätte fast laut aufgelacht, als der Ritter von ›auf die Bäume klettern‹ sprach; aber er faßte sich und erwiderte höflich: »Lieber Oheim, du bist mir in allen ritterlichen Dingen ein so treffliches Vorbild, daß ich mich stets bemühen werde, deinem guten Rate zu folgen.«
Ein böser Blick Margaretens strafte ihn für diese Kühnheit. Aber Engelhard klopfte ihn auf die Schulter und fügte: »Recht so, mein Flaumbart! dabei wirst du allezeit gut fahren!«