Mit der größten Freude jedoch erfüllte sie die ihr gewordene Erkenntnis von Hansens Unschuld. Er wußte nichts vom Recht der Hagestolze und nichts von der Absicht seines Bruders, ihn deshalb zu verheiraten. Nicht Berechnung, nicht die Sorge um die Erbfolge in seinem Eigen, sondern seine wiedererwachte Liebe nur hatte ihn zu ihr geführt, seine tief eingewurzelte Abneigung gegen die Ehe besiegt und ihr sein Herz geschenkt. Wie von Bergeslast befreit, war ihre Seele heiter und hell in dem Gefühl, daß keines Zweifels Schatten mehr an dem Geliebten haftete. Der Plan ihres künftigen Schwagers war allerdings gelungen; Bligger bekam seinen Willen, aber sie – sie bekam den Mann ihrer Sehnsucht. Und vielleicht war auch Bligger nicht so schwer zu verdammen. Er, Engelhard, Erlickheim, und wer sonst noch an dem Anschlag beteiligt sein mochte, hatten vielleicht des hagestolzen Freundes heimliche Liebe zu ihr entdeckt und seine Werbung um sie mit allen Mitteln herbeizuführen gesucht, um zwei Ziele auf einem Wege zu erreichen. So wollte sie denn auch denen nicht länger zürnen, die – ob mit oder ohne Wissen und Wollen – ihr zum höchsten Glück ihres Lebens verholfen hatten. – Ob wohl Sidonie mit ihnen im Bunde war? Die Übermütige hatte ihr arg mitgespielt, hatte viel dabei gewagt; aber da sie ihr gewagtes Spiel gewonnen hatte, sollte auch ihr alle List und aller Trug vergeben sein. – »Hans! Hans! und das alles um dich!« flüsterte sie, »ehe zwölf Stunden vergangen sind, bin ich dein Weib, und –«
Es klopfte schüchtern und leise. Julianen überfiel ein Zittern; sie konnte nicht sprechen. Wer kam? jetzt mitten in der Nacht! – Sie öffnete ein wenig die Tür, – ein Mönch! – An allen Gliedern bebend, mit hochklopfendem Herzen wich sie zurück; – der Mönch trat ein, schlug die Kapuze zurück, – Richilde stand vor ihr.
Sidonie, die Unermüdliche, hatte so lange gewartet und gespäht, bis sie Julianen wieder in ihre Zelle schlüpfen sah, war dann zu Richilde geschlichen und hatte die Tochter zur Mutter geschickt.
»Mutter! – Verzeihung! – ich kann nicht schlafen –« schluchzte Richilde und wollte Julianen zu Füßen sinken.
Diese schloß ihre Tochter in die Arme, küßte sie auf das Haar und sagte: »Alles, du Böse, du Liebe! Wie ein glücklicher Traum hat sich alles gelöst und erfüllt; du sollst ihn morgen erfahren; jetzt aber geh! jetzt ist mir das Herz zum Reden zu voll.«
Richilde umfing ihre Mutter mit stürmischer Zärtlichkeit, aber Juliane wehrte sie sanft von sich ab und wiederholte, sie noch einmal an ihre Brust drückend: »Geh! laß mich allein; warte bis morgen und schlafe ruhig!«
Fröhlichen Herzens gehorchte Richilde. –
Am Morgen, noch vor dem Frühmahl, ließ Juliane den Abt fragen, ob er sie in seinem Gemache zu der gewünschten Unterredung empfangen wolle, wozu jener sofort bereit war.
Auf dem Gange dahin traf sie Hans, der ihrer dort schon harrte. Zusammen betraten sie das Zimmer des Abtes.