Natürlich kam Sidonie mit. Sie hielt sich hinter den beiden anderen, die selber noch voll Bangen über die Entscheidung ihres Schicksals waren, möglichst versteckt und lugte halb listig, halb ängstlich hinter ihnen hervor. Von Hans sowohl wie von Juliane streifte sie ein rascher Blick, der drohend sein sollte, aber sehr heiter und zugleich etwas schüchtern ausfiel. In den blitzenden Augen des durchtriebenen Mädchens lauerte schon wieder irgendeine neue Schelmerei.
»Junker Ernst und Fräulein Richilde,« nahm der Abt das Wort, »ich habe Euch eine große Freude zu verkünden. Die edle Frau hier willigt in Euren Herzensbund, und vor dem Winter noch –«
Ein Aufschrei aus beider Mund und Herzen unterbrach ihn, und beide wollten sich Julianen an den Hals werfen. Diese aber fing mit einer geschickten Bewegung Richilde auf und schob sie rasch in die ausgebreiteten Arme Ernsts. Der eine lachte, die andere weinte vor Freuden, und die übrigen weideten sich an dem Anblick beglückter Liebe.
Da trat Sidonie vor und sprach so ernsthaft, wie sie es vor innerlich prickelndem Mutwillen fertigbringen konnte: »So hat Euch der hochwürdige Abt wohl von dem Schwur entbunden, Frau Juliane, den Ihr mir, dem Neckar und dem Walde der Minneburg geleistet habt? Ihr schwuret: Juliane Rüdt von Kollenberg wird niemals, niemals zugeben, daß ihre Tochter eines Landschaden Frau wird!«
»O du frömmstes und strengstes aller Mädchengewissen, das nie um eines Haares Breite vom Pfade der Tugend weicht, und dessen Mund nichts, als lautere Wahrheit spricht!« erwiderte Juliane lachend, »mit dir rechne ich noch besonders ab. Jetzt aber will ich dir sagen: Juliane Rüdt von Kollenberg verbietet, aber Juliane Landschad von Steinach wird gestatten, daß auch ihre Tochter eines Landschaden Frau wird.« Dabei hatte sie stolz Hansens Hand ergriffen und an ihr Herz gedrückt.
»Was? – was ist das?« frug Ernst wie aus den Wolken fallend, »Ohm Hans! – hab' ich recht gehört? Du willst – heiraten?! Aber Ohm Hans! sage mir: Liebst du die Freiheit, die Ungebundenheit, das wohlige, sichere Bewußtsein, tun und lassen zu können, was du willst, gehen, wohin –«
»Schweig, du Gelbschnabel!« unterbrach ihn Hans. »Weißt du denn, warum ich meine Freiheit opfere? warum ich es aufgebe, ganz nach meinen Wünschen, nach meinem Belieben und Geschmack zu leben? – nur um dich leichtsinnigen, undankbaren Menschen von einer Schwiegermutter zu befreien!«
»Junker Hans!« fuhr Juliane auf ihn los, mußte aber doch in das schallende Gelächter der übrigen einstimmen.
»Das Gespenst der Schwiegermutter!« rief Ernst in der überschwenglichen Freude seines Herzens, indem er sich vor Juliane verneigte und ihr ritterlich die Hand küßte.