Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Am Abend desselben Tages, an welchem Hans in der Morgenfrühe von Hause weggeritten war, traf in Neckarsteinach endlich Engelhard von Hirschhorn ein, dessen Besuch Bligger bereits seit einigen Tagen erwartete. Er kam mit seltsam lautenden Nachrichten und erzählte folgendes.
Nach seinem heftigen Auftritt mit Juliane, von dem er des näheren berichtete, hätte er seiner Tochter Sidonie geboten, nach Zwingenberg zurückzukehren, und ihr erlaubt, ihre beiden Freundinnen Hiltrud und Richilde mitzubringen. Da die Mädchen aber bis gestern abend nicht eingetroffen wären, hätte er heute morgen einen reitenden Boten nach der Minneburg geschickt, um nach dem Grunde ihres Ausbleibens zu forschen. Der Bote wäre jedoch mit der Meldung wiedergekommen, die drei Fräulein hätten die Burg gestern nach Mittag verlassen, und Frau Juliane wäre ihnen heute morgen, gleich nachdem der Sohn des Juden Isaak Zachäus bei ihr gewesen wäre, eiligst und mit allen Zeichen großer Erregung gefolgt und hätte den Burgvogt und drei Mann im Harnisch mitgenommen. Wohin die Damen geritten wären, hätte niemand sagen können. Da hätte sich Engelhard sofort aufgemacht, um zu versuchen, ob er vielleicht hier etwas über den Verbleib seiner Tochter erfahren könnte.
Bligger und seine Frau waren starr vor Staunen, und ersterer teilte nun dem Freunde mit, daß zu derselben Zeit wie die Fräulein und Juliane von der Minneburg auch Ernst und Hans von hier weggeritten wären, ohne zu sagen wohin, Hans mit Zurücklassung des Bescheides, er wäre da, wo Ernst wäre. Bligger hätte nun nicht anders geglaubt, als daß sie beide auf der Minneburg wären, und hätte an den Zweck und Erfolg dieses geheimnisvollen Rittes schon die erfreulichsten Hoffnungen geknüpft. Daß sie bis jetzt noch nicht zurück wären, hätte auch ihn schon beunruhigt, nun aber wüßte er vollends nicht, was er davon denken sollte.
»Daß sie alle sechs beieinander sind, die vier Frauenzimmer von der Minneburg und eure beiden Ausreißer von hier, ist höchst wahrscheinlich; aber wo?« sprach Engelhard.
»Wir wollen Josephine einmal ins Verhör nehmen,« sagte Bligger. »Käthe, laß sie rufen; sie soll sofort erscheinen.«
»Josephine? wer ist das?« frug Engelhard.
»Das ist der Sohn des Juden Isaak Zachäus,« lachte Bligger; »wirst ihn gleich sehen.«
Engelhard stutzte nicht wenig, als er bald darauf ein blühendes Mädchen eintreten sah. Bligger aber stellte sie sofort mit der Frage: »Josephine, wo ist Junker Ernst?« Die Angeredete schlug die Augen nieder und schwieg. »Du weißt es, Josephine! denn du warst heute morgen bei Frau Rüdt von Kollenberg auf der Minneburg. Was du ihr verraten hast, kannst du auch uns mitteilen, und ich verlange die Wahrheit!«