Die wackeren Gesellen saßen treueinig beisammen und würzten sich ihren roten Neckarwein mit launiger Unterhaltung und rückhaltlos derben Späßen, die sich in ausgelassener Stimmung auch über Hansens und Julianens künftiges Liebesglück verbreiteten, als die vermeintlichen Schöpfer und Begründer dieses Glückes auf das Wohl der beiden Ahnungslosen mit den Bechern anstießen.
Fünftes Kapitel.
Isaak Zachäus und sein Sohn Joseph zogen mit dem Junker Ernst selbander durch den Wald auf Neunkirchen zu. Der Jude, eine hagere, etwas gekrümmte Gestalt, schritt an einem Wanderstabe und trug, über die Schulter gehängt, eine Tasche, in welcher er seine Schriften, Zahlenreihen, Himmelskarten und vielleicht noch manches andere barg, dessen er zur Beobachtung und Berechnung des Sternenlaufes bedurfte. Er hatte einen langen, spitzausgehenden Bart, und aus seinem bleichen Gesicht schauten groß und dunkel ein Paar tiefliegende Augen, die von der Anstrengung unzähliger Nachtwachen bläulich umrändert waren. Er wurde bald gesprächig, erzählte von seinen Fahrten durch fremde Länder und Städte, denn er war schon weit herumgekommen in der Welt, und frug auch Ernst nach diesem und jenem, nach Land und Leuten und nach Nahrung und Gewerbe in den Neckargegenden, und auf welche Weise hier das meiste Geld verdient würde, worüber ihm der sorglose Junker jedoch keine Auskunft geben konnte, sie hätte denn lauten müssen: im Stegreif. Oftmals bückte er sich, pflückte eine Pflanze und steckte sie in seine weite Tasche. Als ihn Ernst nach dem Zwecke dieses Sammelns frug, erklärte er ihm manches Heilkraut, das er hier im Walde fand, und teilte ihm mit, wofür es gut sei, wenn man es richtig anwendete. Er gebrauche die Kräuter, sagte er, zur Arzenierung, zu Tränken, Salben und Latwergen, aber auf ganz natürliche Weise, ohne Zauberei, wie es bei dem Unwissenden Volke allenthalben üblich sei. Da sprächen sie von der Wunderkraft des giftigen Bilsenkrautes, die aber nur wirkte, wenn es ein nacktes Mädchen mit der linken Hand ausrisse, von der Eberwurz, die dem Wanderer oder dem Roß des Reiters jede Müdigkeit benähme, und wenn sie noch so lange liefen, vom Farnkraut, das zu überschreiten, ohne es zu sehen, man sich hüten müßte, weil man sonst irr und wirr würde, und sich auf den bekanntesten Wegen nicht mehr zurechtfände. Auf alles das gäbe er nicht viel; er wäre Artist und triebe die Heilkunde nach seinen eigenen Erfahrungen und wie er sie mit manchen Geheimnissen der Natur für teures Lehrgeld oder Salarium von seinem Meister gelernt hätte; darum ließe sie ihn auch selten im Stich bei allen Schäden und Gebresten von Menschen und Vieh. Er wäre in vielen Künsten und Praktiken geübt und immer dienstbereit, aber er ließe sich auch Rat und Hilfe gut bezahlen, für nichts wäre nichts.
Joseph, der die Pflanzen schon alle kannte, und Ernst, der sie gern kennen lernte, halfen dem Alten beim Kräutersammeln, und allmählich ward auch der anfangs schweigsame Jüngling mitteilsamer und vertraulicher gegen Ernst, dessen heiter freundliches, gar nicht hoffärtiges Wesen dem schüchternen außerordentlich wohltat.
Als sie Dorf Neunkirchen erreicht hatten, sagte Ernst: »So! bis hierher hab' ich Euch zu führen übernommen, Meister Zachäus, und von hier aus könnt Ihr nicht mehr fehlen, wenn Ihr diesen Weg verfolgt. Nachher aber gabelt er sich; den Pfad, der sich links abzweigt, dürft Ihr nicht gehen, denn er führt nach der Minneburg; Ihr müßt auf dem zur rechten Hand bleiben, dann kommt Ihr nach Neckarelz und von dort nach Mosbach.«
»Ich danke Euch, edler Junker!« sprach Zachäus, »ich werde gehen den rechten Weg, der mich zu meinem Ziele bringt.«
Darauf nahmen sie Abschied voneinander, wobei Zachäus einen langen, zärtlich sorgenden Blick auf seinen Sohn richtete, und dann trennten sie sich. Der Alte ging allein weiter, und Ernst kehrte mit Joseph um.
Der Tag wurde warm, und Ernst sprach: »Zieh doch deinen langen Rock aus; er muß dir ja lästig sein bei dieser Hitze.«