Die Sonne war über die Mittagshöhe hinaus, und sie freuten sich, im Waldesschatten zu wandeln, wo das Laub der Bäume und Sträucher saftig grün und hell durchschimmernd ihnen erquickende Kühlung spendete. Bald schritten sie über sanfte Höhen, bald über kleine Lichtungen und umbuschte Wiesen oder kamen zu einem murmelnden Bache, über den ein schmaler Steg führte. Und überall im Walde war eine tiefe Ruhe, eine köstliche, würzige Luft und ein üppiges Wachsen und Gedeihen.
Plötzlich hemmte Joseph den Schritt, als Ernst eine andere Richtung einschlug, und frug: »Wohin wollt Ihr? diesen Weg sind wir nicht gekommen.«
»Nein,« erwiderte jener, »wir wenden uns jetzt mehr nach links und gehen zur Schmiedeschenke, um dort Mittagsrast zu halten. Ein Imbiß und ein Trunk wird uns beiden gut tun, und ich kenne die Wirtsleute. Es ist auch ein hübsches Mädchen dort,« fügte er mit einem lebhaften Blick hinzu. »Versuche doch einmal dein Glück bei ihr! sie ist nicht allzu spröde.«
»Das will ich lieber Euch überlassen, Junker!« lächelte Joseph, »oder hab Ihr es schon versucht?«
»Nun, alles in Ehren!« sprach Ernst, »sie ist brav und hütet ihr Kränzlein.«
Die Schmiedeschenke, bei der sie nach einiger Zeit anlangten, lag einsam mitten im Walde an vielbegangenen Wegen, die sich hier kreuzten. Der Wirt, der meistenteils Nägel, aber auch Hufeisen schmiedete und Pferde beschlug, hatte hier das Holz zu den Kohlen, die er sich für sein Schmiedefeuer selber brannte, bequem zur Hand und hielt mit seiner Schmiede zugleich eine Schenke, an der fast kein Wanderer ohne Einkehr vorüber ging, weil man hier bei sehr einfacher Kost immer gute Getränke fand. Laux Rapp war in weitem Umkreise bekannt und beliebt und galt allgemein für einen klugen Mann, der viele Geheimnisse wissen sollte, nie um einen gefälligen Spaß und einen guten Rat verlegen war und schon manche glückliche Kur vollbracht hatte. Und überdem, welchem Gaste die braunäugige, immer heitere, immer blitzsaubere Susanne den vollen Krug auf den Tisch stellte, und mit wem sie munter zu plaudern und zu scherzen sich herbeiließ, dem däuchte die viertel oder halbe Stunde Rast keine verlorene Zeit.
Als die beiden ankamen, waren sie die einzigen Gäste, und auch der Schmied war nicht zu Hause, sondern bei seinem Kohlenmeiler im Walde. Ernst begrüßte Frau und Tochter und bestellte Wein und ein Mittagsmahl, so gut sie es zu leisten vermöchten. Dann nahm er mit Joseph auf der Bank, die hinter einem festen Tische unfern des Hauses unter einer alten Eiche stand, zu längerem Ausruhen Platz, und Susanne brachte einen vollen Krug und zwei Becher, wobei sie einen aufmerksam prüfenden Blick auf Ernsts Begleiter warf.
»Schenk' ein, Susanne, trink und bring's meinem Freunde!« forderte sie Ernst auf. Sie füllte die Becher, nippte an dem einen und bot ihn Ernst dar.
»Du solltest ja meinem Freunde Joseph kredenzen, hatt' ich gesagt,« erinnerte er.
Susanne blickte den Jüngling noch einmal nachdenklich an und lächelte: »Euer Freund, Junker Ernst, läßt sich den Trunk wohl lieber von Euch kredenzen, als von mir.« Und damit entschlüpfte sie, in sich hinein kichernd.