»Was hat das Mädchen?« frug Ernst verwundert, »sie ist doch sonst nicht so spröde.«
»Ich bin ihr fremd,« sagte Joseph sehr verlegen.
»Sie weigert auch fremden Gästen den Zutrunk nicht,« erwiderte Ernst; »aber warte nur, sie soll es wett machen!«
Und als sie wiederkam und das bescheidene Mahl auftrug, sprach Ernst: »Mein Freund ist beleidigt, Susanne, daß du ihm nicht zutrinken wolltest; dafür mußt du ihm zur Sühne jetzt einen Kuß geben.«
Sie schaute ihn ganz verdutzt an.
»Nun, was zierst du dich?« fuhr er fort. »Soll ich's dir vormachen? sieh mal, so!« Er umschlang den sich sanft sträubenden Jüngling und küßte ihn herzhaft auf den Mund. Josephs ganzes Gesicht erglühte, Susanne aber lachte hell auf und lief ins Haus.
Bald darauf erschien sie mit ihrer Mutter in der Haustür, und beide sprachen dort eine Weile miteinander, die Blicke unverwandt auf Joseph gerichtet. Dann verschwanden sie wieder. Ernst konnte sich das auffallende Gebaren nicht erklären, schwieg aber und ließ sich das dürftige Mahl mit aller Behaglichkeit munden. Joseph aß wenig, und Ernst mußte ihn öfter auffordern, mehr von dem Weine zu trinken, was jener erst dem Zuredenden zu Gefallen, dann aber aus eigenem Wohlgeschmack daran auch jedesmal tat, so daß er allmählich in eine immer aufgewecktere und fröhlichere Stimmung kam.
So blieben die beiden mit Plaudern und traulichen Scherzen im Schatten der Eiche lange sitzen, auch nachdem der mächtig hohe Steinkrug geleert war, von dessen erneuter Füllung Joseph, Ernsts Vorschlag zuwider, mit der lachend abgegebenen Beteuerung abmahnte, er hätte schon mehr als genug und wäre so feurigen Wein nicht gewohnt. Und in der Tat blühten ihm die Wangen in einem flammenden Rot, und seine Augen blinkten von einem verräterischen Glanz. Susanne war nicht wieder zu ihnen gekommen, aber es hatte Ernst so geschienen, als wenn sich ihr Kopf ein paarmal flüchtig an einer Fensterluke gezeigt hätte.