»Mädchen, du bist nicht bei Sinnen!« sprach er heiter gelaunt, »oder du treibst deine Possen mit mir und willst mich zum besten haben; aber das soll dir schlecht bekommen!«
Er umfaßte sie flink, um ihren Neckemund zu strafen; doch sie entwand sich seiner Umarmung und lachte im Davonlaufen: »Küßt Eure Josephine! die hält Euch still.« Dann war sie verschwunden.
Als Ernst wieder aus dem Hause trat, schwebte es ihm auf der Zunge, seinem Gefährten zuzurufen: Denke dir, Joseph, die Susanne hält dich für ein Mädchen! Aber er sah ihn nicht auf dem früheren Platze; erst als er dicht heran war, fand er ihn auf der Bank hinter dem Tische lang ausgestreckt liegen, die Hände unterm Haupt und die Augen geschlossen, als ob er schliefe. Sinnend betrachtete er die blühende Gestalt, und bei der aufmerksamen Prüfung wollte es ihm fast scheinen, als ob Susanne mit ihrer kühnen Behauptung doch am Ende recht haben könnte. Das wäre abermals ein lustiges Abenteuer, mit einem schönen, verkleideten Mädchen im tiefen Walde allein zu sein! so dachte er und nahm sich vor, zu schweigen und sich in der nächsten Stunde darüber Gewißheit zu verschaffen. Da öffnete Joseph die Augen, schnellte wie erschrocken vor dem durchdringenden Blicke des jungen Mannes empor und erhob sich.
Sie brachen auf und gingen miteinander den Pfad in den Wald hinein. Die vom Wein erzeugte fröhliche Stimmung des Jünglings steigerte sich und gab sich durch lebhafte Gesprächigkeit und unschuldig mutwillige Scherze kund. Als aus dicht belaubten Wipfeln ein Kuckuck den Ruf erhob, ahmte Joseph den Laut so täuschend nach, daß er den Vogel damit verlockte, immer wieder zu antworten. Er lief einem Schmetterlinge nach, den er vergeblich mit der Hand zu fangen suchte, summte ein Liedchen vor sich hin und pflückte Blumen, die er sich an das Wams steckte, indem er sagte: »Soll ich Euch auch welche brechen und an den Hut stecken?«
»Warum dir an die Brust und mir an den Hut?«
»O ganz wie Ihr wollt,« erwiderte Joseph.
Ernst betrachtete verstohlen die Bewegungen des neben dem Wege einher Schweifenden und überlegte, wie er auf geschickte Weise hinter dessen Geheimnis kommen könnte, falls wirklich eines hinter dieser enganliegenden Tracht verborgen war.
Als sie an eine besonders einladende Stelle kamen, wo sich der Graswuchs im Schatten hoher Bäume wie ein Teppich breitete, sprach Ernst: »Hier möchte ich ein wenig ruhen, wir haben noch Zeit genug.« Er streckte sich in das Gras, und Joseph tat es ihm nach. Da lagen sie nun in der Waldeinsamkeit dicht nebeneinander, jeder auf einen Ellenbogen gestützt, plauderten und scherzten, blickten den Vögeln nach, die durch die Zweige schlüpften und sahen dem kleinen Leben zu, das sich mannigfaltig in Gras und Moos vor ihren Augen bewegte.
Plötzlich näherte Ernst mit einem suchenden Blicke sein Gesicht dem des Jünglings, daß dieser frug: »Was seht Ihr mich so scharf an?«
Ernst fuhr mit der Spitze seines Zeigefingers auf Josephs Oberlippe leise hin und her, umfaßte dann schmeichelnd auch dessen rundes Kinn und lächelte: »Noch keine Spur! Deine Samthaut hat wohl noch kein Schermesser berührt?«