»Nein, noch nicht,« lachte Joseph, »aber das wird schon kommen.«

»Wollen's hoffen,« sprach Ernst. »Und wie hübsch wirst du aussehen, wenn sich erst einmal ein keckes Schnurrbärtchen über deiner Lippe kräuselt!«

»Nun, mich verlangt nicht sehr danach.«

»Warum nicht? ein Mann ohne Bart ist nur ein halber Mann.«

»Ich bin ja auch noch kein Mann, ich will erst einer werden,« versetzte Joseph errötend.

»Da hast du recht," sagte Ernst. »Du bist so schmuck und zart, daß du dich, wenn du wolltest, für ein Mädchen ausgeben könntest; ich möchte dich einmal in Frauenkleidern sehen.«

Joseph schlug die Augen nieder und erwiderte darauf nichts, und Ernst war es zweifelhaft, ob sein Gegenüber sich durch das Bewußtsein, jetzt falsche Kleider zu tragen, beschämt, oder durch die Zumutung, falsche Kleider tragen zu sollen, verletzt fühlte. Wie um den scheinbar Gekränkten zu versöhnen, streichelte er ihm freundlich die glatte Wange und strich ihm mit der Hand ein paarmal langsam über die Brust und die schwellenden Glieder. Dabei kam es ihm so vor, als wenn er bei dem sanften Druck ein leises Zucken und Zittern in dem jugendlichen Körper verspürte und ein höheres Rot die geliebkoste Wange färbte.

Der Jüngling sah ihn jetzt mit einem Blicke an, in dem eine so innige, stumme Bitte lag, daß Ernst seine spielende Neugier bezähmte und bei sich beschloß, die Lösung des Rätsels, ob Joseph Mann oder Magd sei, dem Zufall zu überlassen. Joseph mochte von dem, was in dem anderen vorging, etwas ahnen, denn er streckte ihm, wie zum Danke, die Hand entgegen, die Ernst, ohne sich den Sinn dieser plötzlichen Regung seines Genossen klarzumachen, erfaßte und wie eine dargebotene Freundeshand drückte.

Dann erhoben sich beide und gingen eine Zeitlang schweigend nebeneinander her. Hin und wieder begegneten sich ihre Blicke, fragend wie mit dem Wunsche, in des anderen Seele zu lesen, oder vertrauend wie knospende Neigung. Zuweilen hob ein halb unterdrückter Seufzer des Jünglings Brust, eine kämpfende Unruhe machte sich an ihm bemerkbar, als wenn ihn innerlich etwas drückte, von dessen unerträglichem Zwange er sich mit Worten befreien müßte, die er nicht finden könnte, und immer häufiger wandten sich seine blinkenden Augen seitwärts nach dem männlichen Antlitz seines stattlichen Begleiters. Endlich brach er das Schweigen, und gleich einem Sturzbach, wenn er im Frühling die Bande des Eises sprengt, kam es von den Lippen und aus dem überquellenden Herzen des Jünglings: »Ach! Junker Ernst, wie glücklich seid Ihr! wie wohl und froh muß Euch zumute sein auf Eures Vaters Burg, in der ungebundenen Freiheit, bald im Sattel, bald mit der Armbrust im Waidwerk, oft mit guten Freunden lustig zusammen und eine sichere, freudenreiche Zukunft vor Augen! Und wie gleichmäßig öde fließt mein armes Leben dahin! Immer wandern und wandern, immer sich ducken, immer zurückdrängen zu müssen, was sich kaum bändigen läßt, nie sein Bestes geben, nie Liebes empfangen zu dürfen, nie die brennende Sehnsucht stillen zu können, – oh! O daß ich ein Mann wäre wie Ihr …«