»Meine Mutter sagte mir, er hätte auch für uns alle nichts Besonderes gefunden.«
»Nein, nur für Euren Oheim Hans lautete die Weissagung etwas seltsam,« berichtete Josephine. »Es steht in den Sternen geschrieben, er würde sein Glück einmal in einem Kloster finden.«
»Ohm Hans sein Glück in einem Kloster finden?« lachte Ernst ungläubig, »wie sollte das zugehen? der wird im Leben kein Mönch!«
»Gott weiß es und die Sterne,« sagte Josephine.
Ernst versank für den Rest des Weges in ein nachdenkliches Schweigen. Ohne sein Dazutun hatte ihm Josephine ihr Geheimnis enthüllt, und es hatte für ihn einen sinnbestrickenden Reiz, allein zu wissen, daß sich in dieser kleidsamen Jünglingstracht ein vollreifes Mädchen versteckte, dessen blühender Leib sich an den seinen geschmiegt und dessen glutatmende Seele sich ihm rückhaltlos offenbart hatte. Aber mehr als dies beschäftigte ihn die Weissagung über seinen Ohm Hans und nahm ihn so in Anspruch, daß er auf Josephinens Reden nur einsilbige und zerstreute Antworten gab, bis auch sie schwieg in dem schmeichelnden Wahn, daß sich Ernst; Gedanken nur in dem Kreise der Erinnerungen an das heute mit ihr Erlebte bewegten.
Die Schatten der Bäume waren lang geworden, und die Wanderer standen jetzt an einem sanften Abhange, zu ihren Füßen das hier breit ausgedehnte Tal, in das sie nun, die vier Burgen der Landschaden auf dem gegenüberliegenden Höhenzuge vor Augen, hinabschritten. Josephine schlüpfte wieder in ihren langen, die Glieder verhüllenden Rock, dann fuhren sie über den Fluß und stiegen zur Mittelburg empor. Oben unter dem Torbogen sprach Ernst: »Morgen wollen wir wieder in den Wald gehen, und dann nehme ich die Armbrust mit,« und der Jungfrau die Hand reichend, fügte er in einem warmen Ton und mit einem innigen Blick in ihre dank strahlenden Augen hinzu: »Und vergiß nicht, Joseph, daß ich dein verschwiegener Freund bin!«
Sechstes Kapitel.
Im Palas der Minneburg, in dem tief eingebuchteten, um einige Stufen erhöhten Erker, saß auf der kissenbelegten Holzbank die Herrin der Burg und stickte an einer prächtigen Borte für ein Festgewand.