Frau Juliane war eine Erscheinung, die schon auf den ersten Blick anzog und bei jedem neuen Begegnen immer stärker fesselte, weil je nach Stimmung und Gelegenheit der Ausdruck ihres Gesichts, ihre Haltung und ihr Benehmen näher wie ferner Stehenden gegenüber so rasch wechselten, daß sie manch einem über ihr wahres Wesen etwas zu raten aufgab. Sie war schlank von Gestalt, jedoch einer anmutigen Fülle durchaus nicht ermangelnd, hatte gewelltes, aschblondes Haar und eine zarte Gesichtsfarbe, die an den Schläfen das blaue Geäder durchschimmern ließ und auf den Wangen von einem feinen Rot überhaucht war. Die Augen unter den schmalen, aber dichten Brauen waren von einer unbestimmbaren Farbe und blickten meist etwas träumerisch neben der nicht kleinen, gradlinigen Nase. Das Schönste in dem Antlitz war jedoch der Mund, er mochte sprechen oder schweigen; wenn aber diese sinnlich geschweiften Lippen lächelten und dann aus den Augen Leben, Gefühl und Frohsinn blitzte, so war das ganze Gesicht von einem Liebreiz erfüllt, der jung und alt bezauberte. Aber Frau Juliane konnte zuzeiten auch heftig und leidenschaftlich sein; dann wurde sie ganz bleich und ihre Züge waren dann nicht unähnlich denen der Medusa. Niemand sah den Ausbruch eines Sturmes bei ihr voraus, niemand wußte, ob sie ein von Natur gleichmütiges oder ein heiß begehrliches, mühsam gezügeltes Herz in der Brust trug.
Ihre schöngeformte Hand wob emsig an dem zierlichen Blättergerank der Borte, und nur selten warf sie einen zerstreuten Blick durch das offene Fenster ins Tal hinab und auf die grünen Wipfel, die sich leise im Winde bewegten.
Bald trat eine Gürtelmagd ein, um den Mittagstisch für die Herrschaft herzurichten. Ohne von ihrer Arbeit aufzusehen frug Juliane: »Wo sind die Fräulein, Petrissa?«
»Sie sind im Zwinger, gnädige Frau, und spielen Ball,« gab das Mädchen zur Antwort. »Soll ich sie rufen?«
»Nein, laß sie nur; sie werden schon kommen, wenn sie die Mittagsglocke hören.«
Aber kaum war das gesagt, so flog die Tür auf, und mit hochroten Gesichtern vom Ballspiel kamen die jungen Mädchen, Richilde, Sidonie und Hiltrud, hereingestürmt und riefen und plapperten erregt alle drei durcheinander: »Mutter – Frau Juliane, – auf dem Burghof ist ein Mann, ein Arzt, – ein Artist und Sterndeuter, – der will uns das Horoskop stellen, – bitte, laß ihn herein! – ach ja! bitte, bitte! laßt ihn herein, daß er uns wahrsagt und uns unser Schicksal verkündet!«
»Ihr seid nicht klug, Mädchen,« lachte Juliane, »wer wird sein Schicksal voraus wissen wollen! ich nicht, und ihr sollt es auch nicht.«
Da standen die drei sehr enttäuscht und blickten sich untereinander traurig und ratlos an.
Ehe sie noch zu erneuter Bitte Mut faßten, erschien der Burgvogt, Weiprecht Kleesattel, in der Tür, um seiner Herrin die gleiche Meldung zu machen. Er hatte den leichtfüßigen Fräulein vom Burghof die steinerne Wendeltreppe herauf nicht so schnell folgen können, denn er hinkte infolge eines schlecht geheilten Lanzenstiches, den ihm die Fehde seines seligen Herrn mit den Landschaden von Steinach eingetragen hatte. Beim Reiten war ihm das Gebrechen nicht hinderlich, aber beim Gehen kam er nicht mehr rasch vorwärts damit.