»Alte Frau! alte Frau!« ein dreistimmiges, silberhelles Gelächter schallte ihr bei der Wiederholung dieser Worte so lustig entgegen, daß sie selber mit einstimmen mußte.
»Nicht drei Jahre seht Ihr älter aus, als wir!« rief die eine.
»Vier Schwestern sind wir, wird jeder denken, der uns sieht und es nicht besser weiß, und keiner wird raten, welche von uns die älteste ist,« sprach die andere.
»Und daß Ihr die schönste seid,« jubelte die dritte, »das sagt Euch der Spiegel und jeder Mann, Ritter oder Knappe, wenn er Augen im Kopfe hat und –«
»– und so schmeicheln will wie ihr drei Törinnen,« fiel Juliane lachend ein. »Ihr denkt wohl, damit verlockt ihr mich, euch alles zu sagen? Weit gefehlt! eure Herzensgeheimnisse erfahre ich nun von dem Wahrsager, das habt ihr euch selber eingerührt, aber ob ihr etwas erfahrt, das steht bei mir. Punktum!«
Da umfaßte Sidonie, die übermütigste von allen, Julianen aufs neue, schwenkte sie mit starken Armen wiegend um sich herum und sagte: »Und Euer Herz, Frau Juliane, Euer Herz ist auch viel jünger und heißer, als Ihr uns manchmal Glauben machen wollt, und wird auch seine Geheimnisse haben, bei deren Enthüllung wir nicht zugegen sein sollen; damit wir nur ja nicht erfahren –«
»Wirst du gleich schweigen?!« lachte Juliane und schloß der Fürwitzigen den Mund.
Petrissa kam herein und trug die Speisen auf. Die vier Damen setzten sich an den gedeckten Tisch zum Mittagsmahl, das auf der Minneburg zu ungewöhnlich später Stunde eingenommen wurde, und ließen sich's wohl sein in fortdauernder Heiterkeit und inniger Eintracht. –
Als der Burgvogt Weiprecht Kleesattel den Gast in das oberste Turmgemach geführt hatte, sprach er zu ihm: »Hört, Meister Zachäus von Ingolstadt, ich werde Euch hier gut verpflegen lassen, aber Ihr müßt mir auch einen Gefallen tun; wollt Ihr?« Und als ihn der Jude mit fragenden Augen listig anblickte, fuhr er fort: »Ihr müßt auch mir das Horoskop stellen! Ich bin am vierzehnten Tage des Brachmonds im Jahre dreizehnhundertfünfunddreißig geboren um Sonnenuntergang.«
Zachäus schrieb sich das auf und lächelte dabei ein wenig. Weiprecht bemerkte das und fügte nun hinzu: »Ihr müßt nicht denken, daß ich in meinem Alter noch etwas Besonderes vom Leben erwarte; aber ich möchte doch gern wissen, wie es hier auf der Burg in Zukunft mit mir bestellt sein wird.«