»Nun also zu uns heraufschauen und flüstern und schwärmen und sich sehnen, ohne zu wissen, wonach,« neckte Sidonie die Freundin, sie fester an sich drückend.
»Das ist schon möglich,« versetzte Hiltrud; »ich möchte nur wissen, wie sie aussehen, wie sie sprechen, und was sie denken und fühlen.«
»Vielleicht sind es wahre Ungeheuer von Riesinnen, soviel größer als wir, wie der Jupiter größer als die Erde ist, und nun denke dir die Händchen und das Mündchen! und wenn sie sprechen und lachen, ist's auch soviele Male lauter und klingt wie Donnergetöse von den Riesenlippen. Und dazu die Männer! hu! mir graust es vor deinen Jupitermenschen.«
»Du bist eine unverbesserliche Spötterin,« sagte Hiltrud, »kannst du denn gar nicht ein bißchen schwärmen und mit sehenden Augen selig träumen? Das ist doch so süß im Schleier der Nacht unter den goldenen Sternen, die einem ins Herz hineinglühen und die ewige Sehnsucht wecken.«
»Weißt du was, Liebchen? ich fühle jetzt etwas von der ewigen Sehnsucht, zu schlafen. Komm ins Bett und überlaß es dem Sterngucker auf seinem Turme, sich mit dem goldenen Gekribbel und Gekrabbel dort oben zu unterhalten, ob es ihm auf seine Fragen Rede stehen will.« Damit zog Sidonie die sich ungern Trennende vom Fenster fort, schloß es, schob und hob Hiltrud, die sich alles gefallen ließ, in das große, gemeinsame Bett und war dann mit einem Sprunge neben ihr.
»Was werden wir morgen zu hören bekommen vom Ausspruch der Sterne über unser Schicksal!« sagte Hiltrud im Liegen.
»Wahrscheinlich sehr wenig,« erwiderte Sidonie und streckte sich, daß das Bettgestell knarrte. Dann ward es still im Gemach. Zwei blühende Mädchen schliefen Seite an Seite so sanft, wie nur Jugend und Gesundheit auf Erden schlafen können. –
Frau Juliane erwachte am anderen Morgen sehr früh. Richilde lag mit geröteten Wangen in dem Bett neben dem ihrigen noch in tiefem Schlafe. Sie betrachtete mit mütterlichem Wohlgefallen die Schlummernde, wie sich ihre jungfräuliche Brust in ruhigen Atemzügen hob und senkte, wie die langen, dichten Wimpern die geschlossenen Augenlider umsäumten und um die roten Lippen ein leises Lächeln spielte. Welch ein Traumbild mochte die unschuldige Seele der Ruhenden jetzt umschweben? In wenigen Stunden sollte sie die Zukunft dieses lieblichen Mädchens, ihres einzigen Kindes, erfahren. Ihr bangte vor dem Ausspruch des fremden, sternkundigen Mannes, und sie bereute fast, den Bitten der Ihrigen nachgegeben und die Vorsehung durch ihr Eindringen in das Wissen der Zukunft herausgefordert zu haben, eine Vermessenheit, für die sie mit der beständigen, ruhelosen Furcht vor dem Eintreffen eines vorausgesagten Unglücks schwer bestraft werden konnte. Aber diese Sorge den jungen Mädchen zu gestehen und ihre Zusage zurückzunehmen, schämte sie sich und wies endlich den Mangel an Mut, dem Künftigen fest ins Auge zu sehen, als eine ihr nicht anstehende Schwäche von sich. Wie sehr die erwachte Begierde nach der Kunde ihres eigenen Schicksals sie in ihrer Beharrlichkeit bestärkte, darüber gab sie sich keine Rechenschaft.