Diese Begierde wuchs mit der vorrückenden Zeit, und als Juliane, nachdem sie sich mit Richilde vom Lager erhoben und angekleidet hatte, ihr Wohngemach betrat, in dessen vier Wänden sie den Befund der Horoskope erfahren sollte, geriet sie allmählich in eine solche Erregung, daß sie den Augenblick der Enthüllung kaum erwarten konnte, die sie schon im Voraus als etwas Untrügliches und Unumstößliches hinzunehmen bereit war.
Beim Frühstück bemühte sie sich, den drei jungen Mädchen gegenüber unbefangen zu erscheinen, aber diese merkten sehr bald, daß Frau Juliane ebenso voll Unruhe war wie sie selber. Gleichwohl vermieden es alle vier, den Gegenstand, der allen im Sinne lag, mit einem Worte zu berühren, um durch dies Versteckenspielen eine Selbstbeherrschung zu heucheln, die jeder Einzelnen von ihnen sehr schwer wurde. Die Unterhaltung während des Mahles, bei dem man nur so tat, als genösse man etwas, drehte sich um die gleichgültigsten Dinge, war aber eine erzwungen heitere und lebhafte, damit keine Pause entstehen sollte, die den in allen aufgespeicherten Zündstoff zum hellen Auflodern gebracht hätte. Während ihnen das Herz bis an den Hals hinauf schlug, beobachteten sie sich gegenseitig mit lauernden Blicken, ob nicht einer von ihnen das Wort entschlüpfte, das jeder auf der vordersten Zungenspitze saß.
Endlich brach Sidonie den ihr unerträglichen Bann, schlug mit der Hand auf den Tisch und rief: »Das ist nicht auszuhalten! Sprecht doch endlich einmal ein vernünftiges Wort von dem, was uns allen auf der Seele brennt! Unsere Gedanken sind oben auf dem viereckigen Turm bei dem bleichen Gaste, der jetzt unser Schicksal weiß. Binnen kurzem soll sich für uns der Schleier der Zukunft lüften, und wir sitzen hier und machen uns etwas vor, als wenn uns der Mann mit seinen Geheimnissen nichts anginge. Mir stockt der Bissen im Munde vor Ungeduld und welcher von euch anders zumute ist, die sage es, und dann glaube ich es ihr nicht!«
Alle atmeten wie von einem Drucke befreit, erleichtert auf, und ein helles, zustimmendes Lachen belohnte Sidoniens Entschlossenheit und Aufrichtigkeit. Nun waren die Schleusen geöffnet; neckische Andeutungen und gewagte Vermutungen über die künftigen Schicksale jeder Einzelnen schwirrten am Tische kreuz und quer hinüber und herüber. Noch einmal versuchten die Mädchen einen gemeinsamen Ansturm auf Julianens Entschluß, den Bericht des Sterndeuters allein entgegennehmen zu wollen; aber vergeblich. Juliane blieb unerbittlich. Sie erhob sich und sagte: »Geht in den Zwinger und vertreibt euch die Zeit, so gut ihr könnt, bis ich euch rufen lasse.«
Gegen diesen bestimmten Befehl war nichts zu machen. Seufzend fügten sich die Mädchen und taten, wie ihnen geheißen war.
Petrissa kam und räumte ihnen den Tisch ab, und die Burgfrau gebot ihr, zu dem Fremden im Turme zu gehen und ihm zu melden, daß sie ihn hier im Palas erwarte.
Als Juliane allein war, schritt sie im Gemach auf und nieder, um sich zu sammeln und ihrer Erregung Herr zu werden, und als Zachäus bald darauf eintrat und ihr nun in kühl gemessener Ruhe gegenüberstand, da fühlte sie sich selber durch den Anblick des ernsten, verschlossenen Mannes wunderbar beruhigt; die Spannung ließ nach, und es kam etwas wie Gleichmut über sie, als hätte sie nichts zu hoffen und nichts zu fürchten.
Sie setzte sich in den Erker und sagte: »Nun erzählt mir, lieber Meister Zachäus, was Ihr in den Sternen gelesen habt, und ich bitte Euch, verschweigt mir nichts!«
»Ich habe Euch auch nichts zu verschweigen, hochedle Herrin,« erwiderte der so freundlich Angeredete mit einem teilnehmenden Blick in das Antlitz der schönen Frau; »die Sterne haben mir über Euch und die drei jungen Fräulein nur Gutes und Günstiges anvertraut.«