»Fräulein Hiltruds Gestirne weisen in die Ferne,« fuhr Zachäus fort; »sie wird mit ihrem einstigen Gatten fern von ihrer Heimat hausen, ihm Kinder schenken und lange Jahre mit ihm in Glück und Freuden leben.«
Geraume Zeit erfolgte keine Antwort von Juliane, kein Zeichen, daß sie verstanden, was Zachäus gesagt hatte, bis dieser sie erinnerte: »Gnädige Frau, ich bin fertig.«
»Ich danke Euch!« sprach Juliane wie weit abwesend mit ihren Gedanken, »Ihr seid entlassen; das heißt,« verbesserte sie sich, »Ihr bleibt hier auf der Burg; vielleicht bedarf ich Eurer noch; dann werde ich Euch rufen lassen. Noch eins, Zachäus –!« und sie legte mit einer entschiedenen Bewegung und einem durchdringenden Blick den Finger auf die geschlossenen Lippen.
Der Jude machte das Zeichen des Schweigens nach, verbeugte sich und verließ das Gemach.
Juliane war allein. Sie setzte sich wieder auf die Bank im Erker, stützte den Kopf in die Hand und wiederholte sich die Aussagen des Schicksalskündigers. »Wieder eines Mannes Weib werden soll ich? und bald?« sprach sie zu sich selbst. »Aus alter Liebe und jungem Haß soll mir neues Glück erblühen. Ach! wenn es wahr würde! wenn ich noch glücklich werden sollte! – Aber ohne Wahl und Willen wär' ich dabei? Die Sterne bestimmen mir einen Mann, dem ich meine Freiheit und Leib und Seele geben soll, und nach meiner Liebe wird nicht gefragt? Wen liebe ich denn? Keinen, keinen! und wenn ihr winzigen, glimmenden Funken dort oben in eurer unermeßlichen Ferne mein Herz nicht zu lodernder Liebe in Flammen setzen könnt, so spart euch eure Sprüche von der Liebe Verkündigung, der ich mich nicht beugen werde gegen meinen Wunsch und Willen! – Könnt' ich nur raten, wen die dunklen Mächte mir schicken, wen sie mir aufdrängen wollen! Keinen Witwer, hieß es. Also fahre wohl, Bruno von Bödigheim! Du gewinnst mich nie. Aber wer sonst? – Aus alter Liebe und jungem Haß, – das träfe nur auf einen zu; doch das ist vorbei, der ist es nicht, der kann es nicht sein! Er liebt mich nicht, und ich – ich will ihn niemals wiedersehen!«
Sie erhob sich, um selber zu den ungeduldig Wartenden in den Zwinger zu gehen, denn sie brauchte frische Luft. Ihr klopfte das Herz im Busen mit stürmender Gewalt, und wie froh war sie, die Prophezeiungen des Sterndeuters allein, ohne Zeugen vernommen zu haben!
Im Zwinger sprangen ihr die Mädchen entgegen, suchten mit forschenden Blicken in ihren Zügen zu lesen und überschütteten sie mit einer Flut von Fragen.
»Beruhigt euch,« lachte Juliane, »es war kaum der Mühe wert, die verschwiegenen Sterne unsertwegen auf die Probe zu stellen, denn sie haben uns wenig verraten. Ihr bekommt jede dereinst einen Mann und werdet ein langes und glückliches Leben genießen. Du, Sidonie, bist ein Sonntagskind; darum wird dir vieles gelingen von dem, was du beginnst; wirst aber auch manchen Freier abweisen, ehe der rechte kommt. Du, Hiltrud, wirst mit deinem Zukünftigen in die Ferne ziehen, und Richilde, du sollst dich vor Gefahren hüten, die dich außerhalb der Burg bedrohen könnten. Das ist alles, was mir der weise Mann zu sagen wußte.«
»Wenig genug!« sprach Sidonie, »aber ich wußt' es im Voraus.«