Als Junker Hans auch während der zwei nächsten Tage von seinem Ausfluge nach Sinsheim nicht zurückkehrte, stieg in Ernst die Sorge auf, das von Zachäus dem Oheim gestellte Horoskop möchte sich jetzt schon bewahrheiten und dieser aus irgendeinem, Ernst unbekannten Grunde den Entschluß gefaßt haben, Mönch zu werden und fortan Zeit seines Lebens im Kloster zu bleiben. Seinen geliebten Ohm, den besten und einzigen Vertrauten seines Herzens von Kindheit an, für immer verlieren zu sollen, war ihm ein unerträglicher Gedanke. Und nie hatte ihm der ältere Freund und Berater so gefehlt wie eben jetzt, wo es sich für ihn darum handelte, sich den Zugang zur Minneburg und zu Richilde von Kollenberg zu bahnen, eine Schwierigkeit, zu deren Überwindung ihm der Beistand des Oheims von der größten Wichtigkeit war. Vormittags und nachmittags ging er in den Wald und hielt sich stets in der Nähe des Weges, den Hans mutmaßlich zurückkommen mußte. Doch umsonst; kein Hufschlag durchschallte den stillen Forst, nicht Roß noch Reiter ließ sich blicken. Hans war wie verschwunden und verschollen.
Ernst frug Josephine, die sich wie von ungefähr zu ihm gesellte, ob ihr Vater, der auch noch nicht wieder von Mosbach zurück war, ihr nichts Bestimmteres über das Horoskop des Oheims mitgeteilt hätte, namentlich in wie naher oder ferner Zeit dieser das ihm prophezeite Glück im Kloster finden sollte. Aber Josephine konnte ihm darüber keine Auskunft geben und bemühte sich, ihn über das Ausbleiben des von ihm so schwer Vermißten zu trösten und aufzuheitern. Daß der Blick des Mädchens oft mit einem wehmütig schwärmerischen Ausdruck an seinem Angesicht hing und sich zuweilen ein leiser Seufzer ihren Lippen entwand, blieb unbemerkt von ihm. Endlich fragte sie: »Ist es weit von hier zu den Benediktinern in Sinsheim? Wenn Ihr mir den Weg beschreiben könnt, so will ich hingehen und nach Eurem Oheim fragen.«
»Allen Dank für dein freundliches Erbieten!« erwiderte Ernst, »aber das ist zu weit für dich. Wenn er bis morgen früh nicht zurück ist, so reite ich selber hin, und es müßte mit Kräutern zugehen, wenn ich ihn dann nicht mit heimbrächte.«
Dieser Entschluß schien ihn froh zu stimmen, und lachend sprach er: »Was sie wohl im Kloster zu dem Boten sagen würden, den ich ihnen da als Befreier ihres biderben Zechbruders ins Gehege schickte! Siehst freilich in deinem langen Talar fast wie ein Klosterschüler aus. Tu' mir den Gefallen, streife das entstellende Puppengehäuse ab und laß den Schmetterling auskriechen! Wir sind allein hier, und ich seh dich viel lieber in deiner unverhüllten Gestalt, als in der Vermummung, in der du weder Mann noch Mädchen bist.«
Ein freudiger Glanz und ein schnelles Erröten glitt über ihr Antlitz; sofort kam sie seinem Wunsche nach und stand nun wieder in der kurzen, enganschließenden Jünglingstracht vor seinen zufriedenen Blicken. Sie gingen immer tiefer in den Wald und streckten sich, wie neulich auf ihrem Rückweg von der Schmiedeschenke, wieder in den Schatten auf das Moos, miteinander plaudernd und scherzend. Josephine wußte sich vollkommen sicher an der Seite des ritterlichen Junkers, denn – sagte sie sich selbst – du bist eine Jüdin, und er liebt eine andere. Ein bitteres Gefühl beschlich sie dabei; sie beklagte im stillen ihr Schicksal, das sie in einem verachteten Stande geboren werden ließ und ihr damit schon, nach dem Vorurteil der Mitlebenden, jede Hoffnung auf ein Glück verriegelt hatte, nach welchem die Sehnsucht in ihrem Herzen erwacht war und sich stärker und stärker zu regen begann. Fast schien es ihr jedoch, als wenn Ernst von jenem Vorurteil frei wäre, weil er sie mit so großer Freundlichkeit behandelte, wie sie ihr noch nie von einem anderen Menschen zuteil geworden war.
Auf der Mittelburg wunderte sich mancher über das häufige Beisammensein des Junkers mit dem schüchternen Judensohn; aber Ernst antwortete auf eine gelegentliche Frage nach dem Grunde dieser auffälligen Zuneigung ausweichend: »Er lehrt mich im Walde Kräuter und Schmetterlinge kennen und weiß von seinem Vater allerlei Heimlichkeiten von natürlichen Dingen.« –
Am anderen Morgen ritt Ernst fort, um Hans aus dem Kloster zu holen; und weil er wußte, wie gern sein Oheim bei Laux Rapp einkehrte, so nahm er den Weg über die Schmiedeschenke, obwohl es nicht der nächste war. Seine Hoffnung, Hans vielleicht schon dort zu finden, trog ihn auch nicht. Von weitem schon, sobald die Biegung des Weges dem Blicke freie Aussicht gewährte, sah er ihn an dem Tische unter der Eiche sitzen, und neben ihm saß Laux Rapp, ein kleiner, derbknochiger Gesell mit einem verwegen dreinschauenden Gesicht und einer gegen die andere etwas erhöhten Schulter. Beiden Männern gegenüber am Tische, auf dem selbstverständlich Krug und Becher nicht fehlten, stand Susanne, und alle drei schienen in einem heiteren Gespräch begriffen zu sein. Einen Augenblick durchfuhr Ernst der Gedanke: ob sie ihm wohl von Josephinen erzählt hat? Doch wenn sie es getan hatte, so war jetzt nichts mehr daran zu ändern, und er mußte sehen, ob und wie sich das Geheimnis des Mädchens dem Oheim gegenüber noch retten ließ. Mit einem lauten, freudig jauchzenden: »Hallo! Ohm Hans!« sprengte er dem Platz unter der Eiche zu, war schnell aus den Bügeln und drückte erst dem Junker und dann auch Laux und Susanne die Hand. Das Mädchen schüttelte auf seinen fragenden Blick leise mit dem Kopf, um ihm zu bedeuten: ich habe nichts gesagt! worüber Ernst sehr erfreut war.
»Hast auch wohl Durst auf Laux seinen abgelagerten Rothen?« begrüßte Hans den Neffen, während Susanne ins Haus sprang, einen Becher zu holen.
»Nein, Ohm,« erwiderte Ernst, »ich wollte nach Sinsheim, einen Weltflüchtigen der Klause zu entreißen.«