Er war ein echter Landschad. An Kraft und Höhe des Wuchses gab er seinen Brüdern nichts nach, aber sein blühendes Antlitz mit den heiter blickenden blauen Augen ließ ihn viel jünger erscheinen, als er war, und auch seine Bewegungen und die Art zu sprechen waren noch jugendlich rasch und sorglos sich gehen lassend. Sein ganzes Wesen hatte etwas Treuherziges, Derbes und keine Spur von der hinterhaltigen Überlegenheit und dem gemessenen Auftreten seines älteren Bruders. Auch Hans war Ritter; aber da er sich nicht verheiratet hatte, war ihm der Name ›Junker Hans‹, unter dem er von Jugend auf bekannt und bei alt und jung, bei reich und arm beliebt war, bis auf den heutigen Tag geblieben, und niemand fiel es ein, ihm seine Jahre nachzurechnen.
Als er nun so saß und sann, wie er sich des Auftrages entledigen sollte, der ihm da wider seinen Willen aufgehalst war, stieg ihm Julianens Bild vor der Seele auf. Sie war seine Jugendliebe gewesen, sofern man die erste Liebe eines dreißigjährigen Mannes zu einem sechzehnjährigen Mädchen noch Jugendliebe nennen kann. Zu einem Verlöbnis zwischen beiden war es indessen nicht gekommen, denn er hatte ihr weder seine Liebe je bekannt, noch um ihre Hand zu werben gewagt, zurückgehalten von seiner sonderbaren Furcht vor einer Schwiegermutter. Diese Furcht war angesichts manches abschreckenden Beispiels schon frühzeitig in ihm entstanden und hatte sich im Laufe der Jahre verstärkt, bis sie so tief in ihm festgewurzelt war, daß sie einen gewichtigen Grund mehr für seine Abneigung gegen die Ehe im allgemeinen abgab. Viel dazu beigetragen hatte das abstoßende Benehmen, das ganze Schalten und Walten der Frau Margarethe von Handschuchsheim, der Schwiegermutter Engelhards von Hirschhorn, deren Gegenwart schon, wenn er den Freund besuchte, ihm ein beständiges Gruseln verursachte. Julianens Mutter, Gräfin Konstanze von Ehrenberg, war nun Zeit ihres Lebens auch eine sehr willensstarke Dame, der Hans ein ebenso herrschsüchtiges sich einmischen in die häuslichen Angelegenheiten zutraute, und die einmal bei sich auf seiner Burg wohnen haben zu müssen, ihm ein schaudererregender Gedanke war. Herr Zeisolf Rüdt von Kollenberg mußte wohl diese Furcht nicht teilen, denn er führte die Braut heim. Aber Gräfin Konstanze war nie anders auf der Minneburg, als zu kurz vorübergehendem Aufenthalt, und einige Jahre nach der Verheiratung ihrer Tochter starb sie, so daß auch an Hans das drohende Ungewitter einer bei ihm hausenden Schwiegermutter gnädig vorübergegangen wäre. Nachdem Juliane nun eines anderen Mannes Frau geworden war, entschlug er sich jedes wärmeren Gefühles für sie, faßte den unabänderlichen Entschluß, niemals zu heiraten, weder mit noch ohne Schwiegermutter, und fand sich immer vergnüglicher in sein Junggesellenleben hinein, von dessen ungebundener Freiheit er sich um keinen Preis der Erde trennen wollte. Später aber, viel später war es bei dem freundnachbarlichen Verkehr der Bewohner der Neckarburgen geschehen, daß ihm Juliane doch wieder eine stärkere Teilnahme eingeflößt und eine Zeitlang in ihm lebendig erhalten hatte.
Dieser Zeit gedachte Hans jetzt und durfte sich gestehen, daß es ihm damals nicht schwer geworden wäre, die lebenslustige, leidenschaftliche Frau rückhaltlos zu gewinnen und innig an sich zu fesseln. Die Ehe mit ihrem verstorbenen Gemahl war sie mehr auf den Wunsch ihrer Eltern, die mit der Verheiratung ihrer noch sehr jungen Tochter große Eile zu haben schienen, als aus wahrer Liebe zu ihm eingegangen, denn Herr Zeisolf, zwar ein ganz ehrenwerter und tapferer Ritter, war gewiß nicht ein Mann nach ihrem Geschmack gewesen. Unansehnlich in seiner äußeren Erscheinung, geizig und grämlich von Gemütsart, zuweilen sogar etwas roh von Sitten und den heiteren Genüssen des Lebens, wie Juliane sie liebte, durchaus abhold, war er nicht imstande gewesen, seiner Gattin das volle Glück zu bereiten, das sie auf der Minneburg zu finden erwartet hatte. Sie lebten in leidlicher Eintracht miteinander, und daß ihm Juliane eine gewisse Anhänglichkeit bewahrte, hatte sie durch ihre Unversöhnlichkeit gegen die Landschaden noch nach seinem Tode bewiesen. War ihr aber schon der Verzicht auf manche äußeren Freuden und auf die Erfüllung dieses oder jenes Wunsches schwerer geworden, als sich bei ihrem begehrlichen Sinn mit ihrer Zufriedenheit vertrug, so war sie für die Entsagung auch auf inneres Glück erst recht eine seelisch zu reich beanlagte Natur. Daher war es nicht zu verwundern, daß schon bei Lebzeiten ihres Gatten ihr Herz für die Erscheinung und Art und besonders für die Huldigung anderer Männer nicht unzugänglich blieb und sich ihrer eine Sehnsucht bemächtigte, die bald eine bestimmte Richtung nahm.
Hans Landschad war in seiner stolzen Kraft, mit seinem frohmutigen und liebenswürdigen Wesen ein Rittersmann, ganz dazu geschaffen, vor Frauenaugen und in Frauenherzen Gnade zu finden, wie sie ihm von Juliane zuteil wurde. Es dauerte indessen lange, ehe sich die beiden über ihre gegenseitigen Empfindungen klar wurden. Nur mit kleinen Schritten von einer Vertraulichkeit zur anderen kamen sie sich näher, bis jeder von der Zuneigung des andern überzeugt war, nun auch mit der seinigen kühner hervortrat und endlich beide ihres beglückenden Geheimnisses froh wurden. Nicht mit Worten hatten sie sich verständigt, aber die Augen und die Hände und vor allem die Herzen wußten genug und legten sich fürder nicht mehr Zwang auf, als die Gegenwart dritter erforderte. Einmal aber, als Hans die ihn sehnsüchtig Erwartende eines Tages allein zu Hause traf, waren sie sich in die Arme gesunken, hatten sich geherzt, und geküßt, und Juliane hatte lange selbstvergessen an Hansens Brust geruht. Dann plötzlich waren sie, wie aus einem Traum geweckt, auseinander gefahren: ein einziger Blick von Augen zu Augen hatte ihnen beiden zugleich die Gefahr gezeigt, in der sich die Unbelauschten befanden, und Hans war zur Tür hinausgestürmt, hatte sich aufs Pferd geschwungen und war spornstreichs davon geritten. Bald darauf war die Fehde zwischen Zeisolf und den Landschaden ausgebrochen, die Julianens Gatten zum Gefangenen machte.
Solcher Gestalt waren die Erinnerungen, die dem in seinem Sessel grüblerisch vor sich Hinstarrenden aus einer noch gar nicht so fernen Vergangenheit auftauchten, und ihn in wechselvollen Bildern umschwebten. Drei Jahre nur waren seit jenem Augenblick vergangen, da er sich von Juliane losgerissen und, noch die Glut ihrer Küsse auf seinen Lippen fühlend, vor den heißen Wünschen seines und ihres Herzens eilig die Flucht ergriffen hatte, um nicht zum Schelm an einem ritterlichen Genossen zu werden, mit dem er damals noch befreundet war. Nun sollte er sie zum ersten Male wiedersehen. Wie soll er ihr entgegentreten? wie wird sie ihn empfangen? Hat das Blut, das in der Fehde geflossen, alles Geschehene ausgelöscht bis auf die Erinnerung daran? Oder wird bei dem Wiedersehen wie bei dem grell leuchtenden Schein eines Blitzes in der Nacht alles wieder lebendig werden, was eingeschlafen war? Sollte Juliane glauben können, er käme unter dem Vorwande einer geschäftlichen Unterhandlung mit der eigentlichen Absicht, das jäh zerrissene Band nun endlich wieder anzuknüpfen und nun zu unlösbarem Halt? Das wäre ein unseliger, verhängnisvoller Irrtum und von allem das Schlimmste, was ihm dabei widerfahrenkönnte. Doch nein; das war schwerlich zu fürchten. Viel näher lag, daß sie ihm grollte und ihn der Treulosigkeit zieh, denn – könnte sie zu ihm sagen – wenn du mich noch liebtest, so wärest du, als ich frei war, gekommen und hättest mich hingenommen; was hinderte uns denn noch, vor Gott und Menschen den Bund für's Leben zu schließen? Damit wäre sie in ihrem Recht, und er hatte alle Ursache, sich um ihre Verzeihung dafür zu bemühen, daß er durch sein früheres Verhalten Hoffnungen in ihr erweckt, an deren Erfüllung er niemals gedacht hatte. Um sie in solchen Hoffnungen nicht noch zu bestärken, hatte er sie seitdem völlig gemieden und auch, nachdem sie Witwe geworden war, nicht ein einziges Mal den Versuch gemacht, sich ihr wieder zu nähern, wie sie es doch gewiß erwartet hatte. Jetzt sträubte er sich gegen eine Begegnung mit ihr, wenn es auch auf der anderen Seite einen großen Reiz für ihn hatte, die wieder zu sehen, die einst, aufgelöst in Glück und Wonnen, an seiner Brust geruht hatte, und die vielleicht heute noch im tiefsten Grunde ihres Herzens sehnsuchtsvoll nach ihm verlangte. Gern wüßte er sie versöhnt, gern hätte er sie wieder zur lieben Freundin; aber beiden mußte jetzt aus ihrem Wiedersehen die peinlichste Verlegenheit erwachsen, und es konnte dabei zwischen ihnen zu Auseinandersetzungen kommen, vor denen ihm wie einem Kinde vor einer harten Züchtigung bangte. Einer leidenschaftlichen Aussprache war allerdings dadurch einigermaßen vorgebeugt, daß Ernst ihn begleiten sollte. Wie aber, wenn die drei Fräulein seinen Neffen, der nicht wußte, wozu er mitgenommen war, aus dem Gemach entführten, ihn selbst mit der einstigen Vertrauten allein ließen und diese nun, nicht dem Wortlaut, wohl aber dem Sinne nach, die Frage an ihn stellte: Wollen wir uns nicht heiraten, Junker Hans?
Ein verdammter Auftrag war es und blieb es, den ihm Brüder und Freunde hier aufgezwungen hatten, weil sie, wie er annahm, seine früheren innigen Beziehungen zur Herrin der Minneburg nicht im entferntesten ahnten. Allein er hatte Bligger sein Wort gegeben, zur Friedensstiftung das Seinige zu tun, und mehr hatte jener nicht von ihm verlangt, was Hans sehr lieb war, denn es mochte nun kommen, wie es wollte, eines stand unerschütterlich fest in ihm: heiraten wollte er Juliane nicht, sie nicht und kein Weib unter der Sonne. Mit dem längst um sein Herz gelegten Panzer unbesieglichen Widerstandes gegen die Ehe wußte er sich gegen jede Versuchung stahlhart gewappnet und war endlich auf jede Gefahr hin mutig entschlossen, der schönen Frau morgen in die Augen zu sehen, mochte ihm nun Liebe oder Haß daraus entgegenblitzen.
Achtes Kapitel.
Die Mittelburg zu Neckarsteinach war mit der Vorderburg durch Gärten verbunden, aber ein tiefer Graben, über den eine Zugbrücke führte, durchschnitt sie der Quere nach und trennte so den einen von dem andern. In einer Gaisblattlaube des zur Mittelburg gehörigen Gartens befand sich am Nachmittage des für Hansens Besuch bei Juliane bestimmten Tages Frau Katharina und winkte von der Höhe herab mit einem Tuche ihrem aus dem Tal heraufreitenden Gatten zu. Dieser bemerkte das Zeichen und erwiderte es vom Sattel aus durch einen lebhaften Handgruß zu ihr empor.