Wenig erfreut dagegen war Bligger über den mangelhaften Erfolg, den Junker Hans von seiner Sendung nach der Minneburg aufzuweisen hatte, und tadelte besonders das schnelle Abbrechen der Unterhandlung, die wieder anzuknüpfen durchaus notwendig, nun aber, nach Julianens entschiedener Abweisung dieses ersten Ausgleichsversuches, um so schwieriger wäre. Er forschte seinen Bruder über Julianens Verhalten gegen ihn gründlich aus, das ihm dieser als ein sehr kühles, zum Teil sogar recht schroffes darstellte. Das überraschte Bligger indessen nicht und machte ihm auch keine Sorge, zumal als er hörte, wie warm, fast begeistert Hans das blühende Aussehen Julianens und die Anmut ihrer ganzen Erscheinung rühmte, die also doch wohl so tiefen Eindruck auf ihn gemacht haben mußte, daß sich Bligger von wiederholten Begegnungen der beiden das beste für das Gelingen seines Planes versprechen durfte.

Es wurde beschlossen, mit einem zweiten Annäherungsversuch einige Zeit zu warten, ob sich Juliane vielleicht inzwischen eines anderen besinnen und ihrerseits Bedingungen bezüglich der Auslösung des verpfändeten Waldes stellen würde. Dann aber, mochte sie nun Botschaft schicken oder nicht, sollte Hans mit neuen Vermittlungsvorschlägen nach der Minneburg reiten. Er sträubte sich zwar wiederum dagegen, allein Bligger irrte sich nicht, als er wahrzunehmen glaubte, daß die Weigerung seines Bruders diesmal lange nicht so hartnäckig war wie das erstemal.

Seinen Sohn Ernst durchschaute der welterfahrene Mann nach wenigen Fragen, die er ihm stellte, und aus deren Beantwortung er die Überzeugung gewann, daß sich die Liebe zu Richilden in Ernst festgeankert hatte und dieser der frohen Hoffnung lebte, Herz und Hand der Erbin der Minneburg zu gewinnen, was ja Bliggers Plänen mit Hans nur förderlich sein könnte.

Ernst war völlig der Laune der Verliebten unterworfen. Hochfliegende Hoffnung und nagender Zweifel, ausgelassene Lustigkeit und brütende Schwermut wechselten in seiner Stimmung einander ab, aber schwärmerische Zuversicht zu einem guten Ausgang seiner Herzenssache war doch das vorherrschende Gefühl dabei. Denn die kleinen Zeichen erwiderter Neigung, die ihm Richilde, vielleicht unwillkürlich und absichtslos, gegeben hatte, waren von ihm nicht unbemerkt geblieben und mußten ihm, in ihren Einzelheiten wie in ihrer Zusammenstellung aufs günstigste gedeutet, zur tröstlichen Beweisführung der Erfüllbarkeit seiner Wünsche und zum Unterpfande künftigen Glückes dienen.

Bei seinem fast beständigen Zusammensein mit Ohm Hans sprachen die beiden weniger als sonst, hingen vielmehr jeder seinen eigenen Gedanken nach. Ergriff aber nach längerem Schweigen einer von ihnen das Wort zum Meinungsaustausch über einen Gegenstand, der von den eben erst im stillen verarbeiteten Gedanken noch so weit ablag, so dauerte es gar nicht lange, und beide waren mit ihrer Unterhaltung glücklich wieder auf der Minneburg angekommen, sich an diesen und jenen Augenblick, an dieses und jenes kleine Begebnis bei ihrem Besuche daselbst erinnernd, es sich wieder versinnlichend und nach Wunsch und Gefallen auslegend. Und das Merkwürdigste dabei war, daß keinem von beiden dieses sonderbare Spiel des Zufalles, so oft es sich auch innerhalb weniger Stunden wiederholte, zum Bewußtsein kam und daher auch keiner desselben überdrüssig wurde.

Josephine wurde jetzt von Ernst sehr vernachlässigt; nur selten traf er mit ihr zusammen und war dann zurückhaltender gegen sie, als er es vor dem Ritt zur Minneburg gewesen war. Sie brachte die meiste Zeit einsam in dem wenig besuchten Garten der Vorderburg zu, und dort suchte er sie eines Tages auf, um doch einmal wieder ein freundliches Wort mit ihr zu reden. Er sah sie regungslos an der niedrigen inneren Ringmauer stehen und, den Kopf auf die Hand gestützt, träumerisch über das Tal hinweg in die Ferne schauen. Sie hörte seine nahenden Schritte nicht, bis er, dicht hinter ihr, sie anrief. Da fuhr sie erschrocken herum und war in einer unsäglichen Verwirrung.

»Verzeihe den Schrecken,« sprach er, ihr die Hand bietend, »und erzähle mir den süßen Traum, aus dem ich dich geweckt habe.«

Sie lächelte wehmütig. »Ich sah einen edlen Falken fliegen, der stieß auf ein Rebhuhn und hielt es in seinen Fängen. Aber es war ihm zu gering; er ließ es wieder fahren, schwang sich in stolzem Fluge über Tal und Berg und umkreiste ein ragendes Schloß, nach einer köstlicheren Beute spähend. Das arme Rebhuhn aber verblutet sich an den Wunden, die ihm der Falke geschlagen, und kann nicht leben und nicht sterben.« Sie sprach es leise wie im Traum und blickte ihn mit verschleierten Augen sehnsüchtig an.

»Josephine!« sagte er nur, bestürzt und ergriffen von des Mädchens kaum verhüllten Liebesgeständnis.