Sie wandelte mit ihm einen schattigen Laubgang, und da er schwieg, weil er ihr auf das eben Vernommene nichts zu erwidern wußte, so wollte er, ihrer Unbedachtsamkeit inne werdend, die Bedeutung des ihm Kundgetanen nach Möglichkeit abschwächen, indem sie unvermittelt in einem heiteren Tone begann: »Gebt Ihr etwas auf Träume, Junker Ernst?«
»Nicht viel,« entgegnete er.
»Desto besser!« sprach sie und versuchte zu lachen. »Ich tue es auch nicht, denn mir ist noch nie ein Traum in Erfüllung gegangen. Man sagt, die Hasen schliefen mit offenen Augen. So habe ich es wahrscheinlich eben auch gemacht; ich habe mit offenen Augen geträumt und ein vorüberschwirrendes Mücklein für einen Falken angesehen, oder ich war im Stehen eingeschlafen, weil mir die Augenlider vor den blendenden Sonnenstrahlen zufielen. Darum vergeßt, was ich geträumt und gesagt habe; es ist nicht der Mühe wert, darüber nachzudenken.«
»Wenn du es nur vergessen kannst, Josephine!« erwiderte er teilnahmsvoll.
»Ich? o darum macht Euch keine Sorgen!« lachte sie nun freier heraus, obschon es ihr wahrlich nicht zum Lachen ums Herz war. »Was ich nicht in mir dulden will, das werfe ich weit von mir weg, so weit, wie ich diesen Stein hier werfe.« Sie griff einen Stein vom Boden auf und schleuderte ihn in weitem Bogen vom Berg ins Tal hinab. »Seht Ihr? fort ist er, und nie finden wir ihn wieder. So macht man's mit närrischen Träumen. Und nun gehabt Euch wohl für heute! mein Vater wartet auf mich; wir wollen Heilkräuter suchen.«
Damit enteilte sie, und es war die höchste Zeit; denn die Kraft ihrer Selbstbeherrschung und Verstellung, mit der sie den ihr erstaunt Zuhörenden durch eine langatmige Gesprächigkeit über ihre wahren Empfindungen zu täuschen suchte, ging zu Ende.
Ernst wandte sich noch einmal nach ihr um und murmelte: »Armes Mädchen! ob sie wohl so rasch wie den Stein aus der Hand den Traum aus ihrem Herzen los wird?« –
Isaak Zachäus und seine verkleidete Tochter, deren Geheimnis vor allen anderen außer Ernst vollständig gewahrt blieb, wurden schon als zur Burg gehörig betrachtet, und von einem Aufbruch des vielgewandten, zu mancherlei Diensten brauchbaren Mannes war keine Rede, auch als er längst von Heidelberg wieder zurück war.
Von dort hatte er dem Ritter schlimme Kunde heimgebracht.