Sie machte sich nichts daraus, mochte jene denken, was sie wollte, ihr war jetzt alles gleichgültig. Die Erde hatte keine Blüten, der Himmel keine Sterne mehr, da einer von ihr schied, ohne den ihr das Leben zu einem jämmerlichen Schattenspiel wurde.
Kein Schlummer senkte sich lind und heilsam auf Gerlindes tränennasse Augen und erlaubte ihr, von dem ihr versagten Glücke wenigstens zu träumen, dessen Verwirklichung sie von der Allmacht der Liebe so sehnlichst erhofft hatte. Mit grausamer Zähigkeit hielt sie der Gedanke wach, daß Eike von Repgow sie morgen verlassen würde. Sie sollte ihn nicht mehr sehen, nicht mehr hören, nicht mehr an seinem Schaffen teilnehmen. Auch dieses Glück hatte sie sich mit ihrem leidenschaftlichen Vorgehen verscherzt, und den, dem sie es verdankte, vertrieb sie aus der ihm lieb gewordenen Stätte, von wo das Werk mit dem aufsteigenden Ruhme seines Schöpfers in die staunende Welt hatte hinauswandern sollen.
Und dabei mußte sie sich zu ihrer Beschämung noch gestehen, daß Eike mit seiner Ablehnung ihres Verlangens nach innigerem Verkehr im Rechte war und nicht anders handeln konnte, wenn er den Burgfrieden nicht gefährden und den schönen Einklang fröhlicher Gastfreundschaft nicht verstimmen wollte.
Aber über die Trennung von ihm konnte sie nicht hinwegkommen, konnte sich kein Bild davon machen, was werden würde, wenn er nicht mehr hier war. Sie wollte auch morgen nicht Abschied von ihm nehmen, weil sie es nicht wagte, sich die Kraft nicht zutraute, ihm, ehe er zu Pferde stieg, in Gegenwart ihres Gatten die Hand zu reichen und lachenden Mundes zu sprechen: Auf Wiedersehen!
Wiedersehen? ja, wie war das denn? Eike hatte gesagt: »Wir müssen uns eine Weile trennen.« Eine Weile! wie schätzte er denn die Zeit? auf Tage oder auf Wochen? Darüber hatte er sich ihres Wissens nicht geäußert, und sie schöpfte daraus die Hoffnung, daß er binnen kurzem wiederkommen würde. Nur eines war ihr noch unerfindlich. Wie wollte er dem Grafen gegenüber seine plötzliche Abreise begründen? denn die Wahrheit, daß er ihretwegen ginge, durfte er ja nicht sagen. Dafür einen glaubhaften Vorwand zu ersinnen mußte sie ihm überlassen, ihm dabei helfen konnte und wollte sie nicht.
Noch lange floh sie der Schlaf. Endlich aber erbarmte er sich ihrer und deckte den dicht gewobenen Schleier des Vergessens über sie.
Auch für Eike war diese Nacht eine ruhelose. Nicht, daß er wieder wankend wurde und sich noch einmal überlegte, was er tun oder lassen sollte. O nein! sein Entschluß stand unerschütterlich fest in ihm. Morgen wollte er Burg Falkenstein auf Nimmerwiederkehr verlassen; es mußte sein. Gerlinde hatte den am Heidenquell eingegangenen Vertrag gebrochen und damit sich und ihn in eine auf die Dauer unhaltbare Lage gebracht. Was bis jetzt scheu und verborgen als beseligendes Geheimnis zwischen ihnen gewaltet hatte, war gegen die Abrede schweigenden Entsagens an das Licht gezogen worden und hatte, frank und frei ausgesprochen, seinen zartesten Duft und Schmelz eingebüßt. Aber das nicht allein. Nach der beiderseitigen Offenbarung ihrer Liebe würde die bisher bewahrte Vorsicht in ihrem Benehmen zueinander mehr und mehr schwinden und die Gefahr der Entdeckung ihres verpönten Herzensbundes mit jedem Tage wachsen, wenn er jetzt noch hier bliebe.
Noch ahnte Graf Hoyer nichts und schenkte dem als Gast unter seinem Dache Hausenden unbegrenztes, unbedingtes Vertrauen, das schändlich zu mißbrauchen Eike ein entsetzlicher Gedanke war. Schlimm genug schon, daß er dem edlen Manne den wahren Grund seines Abschieds zu verhüllen, mit Lug und Trug unter die Augen treten mußte.
Das konnte er sich nun leider nicht ersparen und hatte auch schon eine geschwinde Ausflucht bei der Hand. Er wollte sagen, er müsse stracks nach Reppechowe reiten, um sich eine Anzahl von seinen dort noch befindlichen Aufzeichnungen zu holen, die er früher als überflüssig erachtet hätte, deren er jedoch, wie er sich jetzt überzeugt, durchaus benötigt wäre. Forschte der Graf, wie zu erwarten war, nach der Ursache seines langen, seines gänzlichen Ausbleibens, so würde sich später wohl auch dafür eine annehmbare Erklärung finden lassen.