Das Gesetzbuch war zu drei Vierteln fertig; das letzte Viertel mußte Eike nun zu Hause schreiben, eine ihn keineswegs lockende Aussicht. Wilfreds Hilfe würde ihm gewiß manchmal dabei fehlen, aber das war das wenigste. Was alles andere er dabei schmerzlich entbehren würde, – daran mochte er gar nicht denken.

Früh morgens erhob er sich vom Lager. Sein letzter Tag auf dem Falkenstein war angebrochen, und nun stand er vor einem Abschnitt, an einer Wendung seines Lebens. Wie traurig würde er in ein paar Stunden den Berg hinunter reiten, den er vor wenigen Monaten so freudig heraufgeritten war! Von einem wehmütigen Gefühl durchschauert trat er ans Fenster, um das fesselnde Bild, das sich ihm hier bot, noch einmal tief in sich einzusaugen. Er schaute zu den Bergen hinüber, in das breite Tal hinab und auf den herbstlich bunten Wald, den er in sprossendem Frühlingsgrün gesehen hatte. Dort drüben hatte er einst gerastet und mit spähenden Augen Gerlindes Kemenate gesucht, als von Süden her der Adler geflogen kam, der ihm, wie er träumte, einen Gruß vom Kaiser Friedrich brachte. Jetzt zogen, vom Westwind getrieben, graue Wolken über das Tal hin, und kein Fleckchen blauen Himmels zeigte sich ihm zu einem freundlichen Fahrewohl.

Er kehrte sich vom Fenster ab seinem Gemache zu und ließ sinnend den Blick auf seinem Schreibtisch ruhen, wo er die langen Tage gesessen und an seinem Gesetzbuch geschrieben hatte. Gerlinde und das Sachsenrecht, das waren die festen Pole, um die sich sein Dasein hier gedreht hatte. Das Buch nahm er mit sich, aber von der Geliebten mußte er scheiden. Doch er wollte nicht weich werden, mußte sich zur Reise rüsten, seinen Mantelsack packen und dann Abschied nehmen.

Als er dem Bücherrück zuschritt, seine Papiere zu sammeln, fiel ihm noch eine List ein, die seine Absicht, auf immer davonzugehen, besser verdeckte als gefälschte Worte. Er wollte außer seinem fertigen Manuskript nebst Wilfreds Abschriften davon nur das einstecken, dessen er zur Fortsetzung des Werkes noch bedurfte, alles übrige aber zurücklassen, als ob er bald wiederkommen und hier weiter arbeiten würde.

Das Einpacken war schnell besorgt, und nun war es Zeit, dem Grafen seinen Entschluß mitzuteilen und die Veranlassung dazu auseinanderzusetzen. Eike machte sich also auf den Weg, und das wurde ihm ein sehr schwerer Gang.

Graf Hoyer nahm das ihm dringlich Vorgestellte als hinreichenden Grund zu einer Heimfahrt gläubig hin, fragte jedoch: »Kann denn die dir fehlenden Schriften nicht Sibold holen?«

»Nein, sie sind eingeschlossen, und ich muß auch selber wählen, um die richtigen herauszufinden,« erklärte Eike.

»Nun, wenn du dieserhalb durchaus nach Reppechowe mußt, so reite in Gottes Namen hin,« sagte der Graf, »ich reite mit.«

Eike erschrak nicht wenig, denn dieses gutgemeinte Anerbieten warf seinen Plan völlig über den Haufen. Der Graf würde nicht ohne ihn umkehren, sondern ihn mit einigen zum Schein zusammengerafften Papieren sofort wieder nach dem Falkenstein entführen wollen. Dem mußte er vorbeugen und dem alten Herrn das Mitreiten auszureden suchen.

»Herr Graf,« begann er in fürsorglichem Tone, »zur Elbe hin ist es ein weiter Weg.«