»Er wird zur Ausübung des Weidwerks wenig Zeit und Gelegenheit gehabt haben,« meinte Gerlinde. »Der Wildmeister sollte ihn füglich dazu anlernen.«

»O der wird gern dazu bereit sein,« erwiderte der Graf.

Sie hatte des Wildmeisters erwähnt in der Erwartung, daß der Graf nun dessen Sendung zu Eike mit dem Briefe zur Sprache bringen würde; das geschah indessen nicht. Warum wohl nicht? dachte Gerlinde. Sie wollte nicht davon anfangen, daß ihr Eike Mitteilung von dieser Botschaft gemacht hatte, ohne die er gestern nicht wiedergekommen und sie heute nicht mehr am Leben wäre. Das konnte sie ihrem Gatten freilich nicht sagen, denn er durfte niemals erfahren, aus welcher furchtbaren Not und Verzweiflung er durch sein Eingreifen ahnungslos zu ihrem Retter geworden war. Aber das war wohl Gottes Wille gewesen, der mit seiner unerforschlichen Weisheit ihr Schicksal so wunderbar gelenkt hatte. Von diesem Glauben durchdrungen und gehoben vermochte sie jetzt nicht von anderen, gleichgültigen Dingen zu reden, stand deshalb auf und begab sich in ihr Zimmer.

Ihre Seele war des Dankes so voll gegen den Allbarmherzigen, daß sie die Harfe nahm und mit halblauter Stimme sang:

Könnt' ich mit Engelszunge singen,
Ein Cherub in dem großen Heer
Der Himmlischen mit Schwert und Schwingen,
Im Halleluja sollte klingen
Mein Saitenspiel zu Gottes Ehr.

Er hielt mich, als ich fast verloren,
Mit seiner gnadenreichen Hand,
Und die ich mir den Tod erkoren,
Ich atme nun wie neugeboren,
Als schaut' ich das gelobte Land.

Mit Freundes Arm umfangt mich wieder
Des Daseins holde Wirklichkeit,
Und sanft, wie mit des Schwans Gefieder
Senkt Ruh und Friede sich hernieder
In meine Brust, von Schuld befreit.

Still will ich in des Lichtes Glanze
Einhergehn mit ergebnem Sinn
Und bei der Horen schnellem Tanze
Gleichwie geschmückt mit grünem Kranze
Ausblicken zu den Sternen hin.

Sie hatte das Lied stehend gesungen, setzte sich nun auf das Spannbett und verharrte, wie durch ein dargebrachtes Opfer entsündigt, eine Weile regungslos. Dann gingen ihre Gedanken andere Wege. Der gewaltige Umschwung in ihrer Lage von gestern auf heute warf ihr eine Fülle von Glück in den Schoß, und auch diesen Empfindungen mußte sie Worte und Töne leihen. Erregter, schwärmerischer als das erste erklang das zweite Lied: