Ich hab' es getragen und standhaft verhehlt,
Behutsam im Tiefsten verborgen,
Was mir wie leuchtende Sonne gefehlt
Am wolkenverschleierten Morgen.
Doch nun ist die Not und das Bangen vorbei,
Nun sing' ich und jubele Tandaradei!

Es ist mir, als käme der Frühling gebraust
Mit Stürmen, mit Wachsen und Werden,
Die Hölle hat mir in der Seele gehaust,
Jetzt hab' ich den Himmel auf Erden.
Die Welt hat verwandelt sich wohl über Nacht,
Sie schimmert und glänzt mir in zaubrischer Pracht.

Ihn habe ich wieder, den heiß ich ersehnt
Bei jeglichem Herzensschlage,
Mit übermenschlichem Glücke belehnt
Erfreu' ich mich nun meiner Tage,
Denn er, der mir alle die Seligkeit gibt,
Mein ist er und bleibt er, dieweil er mich liebt.

Damit hatte sie das, was sie am mächtigsten bewegte, laut und lustig wie Lerchengeschmetter hervorgewirbelt und streckte sich nun zufriedenen Herzens auf der Ruhebank aus.

Der, dem dieser Überschwang der Gefühle gegolten hatte, Eike von Repgow, saß wieder auf seinem alten Platz und war fleißig an der Arbeit. Er hatte diese Nacht, ehe er einschlief, die gestrigen Ereignisse noch einmal im Geiste an sich vorüberziehen lassen und war nach reiflichem Nachdenken zu der Überzeugung gelangt, daß die Gefahr für Gerlindes Leben nach seiner Rückkehr verschwunden war und sie den Tod nicht noch einmal suchen würde, auch dann nicht, wenn er eines, nicht mehr allzufernen Tages auf eine unberechenbar lange Zeit von ihr Abschied nehmen mußte.

Diese Zuversicht schöpfte er hauptsächlich aus seiner Beobachtung ihres teils ruhigen, teils sehr heiteren Gebarens gestern abend bei Tisch, das nicht die leiseste Nachwirkung ihres düsteren Vorhabens verraten hatte. Darum hoffte er auch, daß sie sich nunmehr in ihrem Verkehr miteinander als ebenso maßvoll und willensstark erweisen würde wie er.

Seine Liebe gab der ihrigen nichts nach, nur daß er sie zu zügeln wußte, so unsäglich schwer ihm dies auch manchmal wurde. Ihm wollte das Herz überwallen und auf die Zunge springen, wenn er ihre schöne, schlanke Gestalt vor sich hatte, ihr in die dunklen Augen sah und ihrer klang- und seelenvollen Stimme lauschte. Dann kostete es ihn die größte Überwindung, sie nicht rasch in die Arme zu schließen und fest an seine Brust zu drücken. Doch er wollte seinem Vorsatz, bei der bisher geübten Zurückhaltung zu beharren, bis zur letzten Stunde seines Hierseins treu bleiben, und die Vertiefung in seine Arbeit sollte ihm sicheren Schutz gewähren gegen aufrührerische Gedanken und begehrliche Wünsche.

Er arbeitete jetzt stets allein, wie er es in Reppechowe gemußt und dadurch sich angewöhnt hatte. Wilfred ließ er oben in seinem Turmstübchen Abschriften machen, und weil der jetzt fleißige und flinke Gehilfe damit gut vorwärts kam, ließ er ihn von dem bereits Erledigten noch eine zweite Abschrift anfertigen.

Da begegnete ihm eines Morgens etwas ganz Merkwürdiges. Es klopfte an der Tür, und auf sein Herein! traten Wilfred und Melissa zu ihm ins Gemach, wo jeder dem andern überließ, zuerst das Wort zu ergreifen.

Erstaunt fragte Eike: »Nun? was habt ihr zwei auf dem Herzen? ihr seht mir aus, als hättet ihr euch gezankt und ich sollte einen Sühneversuch mit euch anstellen; redet!«