»Um sieben Küsse?« lachte Eike hell auf und schnellte vom Sitz empor. »Eine Wette um sieben Küsse! etwas Närrischeres gibt's doch in der Welt nicht, und das hab' ich auch noch nicht erlebt, daß der Schuldner seine Schuld bezahlen und der Gläubiger sie nicht nehmen will.«

»Habt Ihr darüber nichts in Eurem Rechtsbuch, Herr Ritter?« fragte Melissa.

»Bis jetzt noch nicht,« lachte Eike wieder. »Aber das könnte allerdings ein feines Stückchen werden, ein Kapitel über das Kußrecht; das fehlt noch zwischen all den anderen Rechten. Hast du schon einmal von dem großen Minnesänger Walter von der Vogelweide gehört, Melissa?«

»Ei ja! Unter der Linden auf der Heide –«

»Richtig! so fängt eins seiner schönsten Lieder an. Er sagt auch: Küsse sind der Minne Rosen. Und ein anderer, genannt der tugendhafte Schreiber, singt: Minne ist Mannes Mund an Weibes Munde.«

Melissa schlug hold verschämt die Augen nieder und schielte dann verstohlen zu Wilfred hin.

»Dichter sind kluge Leute und kennen sich in den höchsten und süßesten Freuden des Herzens gründlich aus,« fügte Eike hinzu. »Warum willst du dir denn die Küsse von Wilfred nicht gefallen lassen?«

»Weil er mich geärgert hat,« stieß sie störrisch hervor. »Luitgard, die heimtückische Müllerstochter, steckt dahinter, doch das gehört nicht hierher.«

»Nein, das geht mich nichts an,« stimmte Eike zu. »Aber jeder von euch hat hier sowohl ein Recht wie eine Pflicht, und denen muß Genüge geschehen. Wilfred hat die Pflicht, die Buße für die verlorene Wette bar und blank zu erlegen, und das Recht, zu verlangen, daß du sie von ihm annimmst, es sei denn, daß ihr einen Vergleich schlösset, der euch über das eine und das andere hinweg hilft. Wie steht es damit?«

»Ich bin bereit dazu und will mich mit der Hälfte zufrieden geben,« erklärte Wilfred.