»Hör' auf!« keuchte sie, »jetzt sind es schon zehn.«
»Macht nichts, zehn ist auch eine heilige Zahl. Denk' an die zehn Gebote, und in keinem heißt es: Du sollst nicht küssen.«
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Die Zwietracht zwischen Wilfred und Melissa war durch seine Versicherung, daß er gar nicht in der Talmühle gewesen wäre, vollständig gehoben, und nach dem endgültigen Austrag ihrer Wette waltete wieder Friede und Freundschaft zwischen ihnen. Auf Melissas Frage, warum er das nicht vor Anrufung des Ritters gesagt hätte, erwiderte er, es hätte ihm Spaß gemacht, sich an ihrer Eifersucht zu weiden, worauf sie ihn einen abgefeimten Bösewicht schalt.
Dem Wortlaut nach hatte Wilfred nicht gelogen, als er schwur, daß er an dem Tage, da sie ihn hätte aus dem Walde kommen sehen, nicht bei Luitgard, sondern bei seinem Fuchse gewesen wäre. Daß er aber einige Tage vorher einen wenig erfreulichen Besuch in der Talmühle gemacht hatte, verschwieg er, und diese Tatsache bestimmte ihn auch, nicht gar zu frech die gekränkte Unschuld zu spielen. Nachdem er nun aus dem Streit um die sieben Küsse als Sieger hervorgegangen war, wollte er das ihm treu anhängliche Mädchen, das er viel lieber hatte als die trotzige Kratzbürste da unten im Tale, beruhigen und versöhnen, was er ja auch ›in optima forma‹, wie es in dem Schiedsspruch ausbedungen war, schicklich und glimpflich besorgt hatte.
Zur Befestigung des wieder hergestellten herzlichen Einvernehmen trug bald darauf ein mißliches Ereignis bei, das Wilfred einen großen Schmerz bereitete und Melissas inniges Mitgefühl erregte.
Eike wollte sich jetzt dann und wann eine Ausspannung von seiner anstrengenden Arbeit gönnen und, wie er sich vorgenommen, ein wenig des edlen Weidwerks pflegen. Er ließ also den Wild- und Waffenmeister um eine Armbrust und einen Köcher voll scharfer Bolzen bitten und zog hoffnungsvoll damit zu Holze.
Als er nun von solchem Pirschgang einmal mit einer Beute auf der Schulter heimkehrte, fand er zufällig Wilfred und Melissa auf dem Burghof plaudernd am Brunnen stehen und warf Wilfred das erlegte Stück Wild im Schwunge zu mit den Worten: »Da hast du Reinhart den Voß und kannst dir aus dem Balg einen schönen Pelzkragen für dein Winterwams machen lassen.«