Wilfred fing das Tier mit den Armen auf und erkannte an dem Schlitz im Ohr seinen Fuchs, den Eike erschossen hatte. Er konnte vor Wut keinen Ton hervorbringen, drückte sein liebes Füchslein an sein Gesicht und wischte sich mit der dicken Lunte die ihm feucht werdenden Augen.
Eike hatte dessen nicht acht und begab sich ohne weiteres in die Burg. Melissa, die sofort begriff, welcher Tort Wilfred damit angetan war, wollte ihm ihr herzliches Bedauern aussprechen. Er aber hob die geballte Faust und drohte dem Schützen nach: »Den Schuß wirst du noch einmal bereuen, Ritter von Repgow!«
Sie erschrak vor dem Ausdruck grimmigen Hasses und wilder Rachgier in Wilfreds Zügen und hielt ihm zu seiner Besänftigung vor, daß es doch nicht des Ritters Absicht gewesen wäre, ausgesucht diesen Fuchs, seinen zutraulichen Waldgesellen, zu töten, von dessen Zähmung Eike nichts wußte. Wilfred unterbrach sie jedoch schluchzend: »Meinen besten, einzigen Freund, den ich auf der Welt hatte!«
Seinen besten, einzigen Freund! wiederholte sich Melissa bitter und traurig. Und ich? bin ich ihm nichts? nicht einmal soviel wie der Fuchs ihm war? »Laß ihn von einem Jäger abbalgen,« sagte sie gutmütig. »Ich will dir den Pelzkragen anfertigen zum Andenken an deinen Liebling –« und an mich, hätte sie beinah hinzugefügt, verschluckte diesen heimlichen Wunsch jedoch. –
Mit dem bisher guten Verhältnis zwischen Eike und seinem Gehilfen war es nun vorbei. Wilfred sprach mit jenem fortan kein Wort mehr als er durchaus mußte, tat die ihm aufgebürdete Arbeit verdrossener denn je und wartete ungeduldig auf die Gelegenheit, dem Mörder seines lieben Schlitzohrs einen recht bösen Possen spielen zu können.
Dem nun öfter, doch ohne jeglichen Erfolg die Wildbahn besuchenden Gelehrten fiel das veränderte Benehmen des Schreibers nicht auf. Ihm waren Kopf und Herz voll von seiner Arbeit und von seiner Liebe zu Gerlinde, deren gemessenes, aber stets fröhliches Wesen ihn wahrhaft beglückte. Da durfte auch er sich zwanglos geben, und weil er sich seinen Wirten jetzt mehr widmen konnte, dehnten sich die Mahlzeiten länger aus und wurden noch heiterer als bisher.
Einmal forderte ihn die Gräfin sogar zum Schachzabel auf, um, wie sie lachend sagte, die Niederlage wett zu machen, die er ihr einst beigebracht hatte. Eike ging gern auf den Vorschlag ein, und diesmal war er der Unaufmerksame, Zerstreute, denn er mußte fortwährend an das Spiel auf dem Altan denken, das Gerlinde, in ihrer leidenschaftlichen Erregtheit damals die Flucht ergreifend, kurzer Hand abgebrochen hatte. Heute war sie ruhig, durchkreuzte die Züge nicht wieder mit abschweifenden Fragen, nahm ihrem Gegner eine Hauptfigur nach der andern und setzte ihn binnen einer halben Stunde matt. Sie hatte ihm zeigen wollen, daß sie nicht nur Meister auf dem Schachbrett, sondern jetzt auch Meister ihrer Gefühle sei.
Graf Hoyer hatte sich, als die beiden das Spiel begannen, in seine Gemächer zurückgezogen, weil ihn das müßige Zuschauen nicht lockte und eine Unterhaltung dabei nicht möglich war. Ihn beschäftigte in dieser Zeit unausgesetzt Eikes allmählich der Vollendung entgegen reifendes Werk, und mit Bedauern sah er den Tag von weitem herankommen, wo der Unermüdliche sein Finis darunter schreiben und dann dem Falkenstein für immer Valet sagen würde. Trotzdem empfand er die reinste, innigste Freude über den baldigen Abschluß der großartigen Schöpfung und genoß schon im voraus den Triumph, ringsumher rühmen zu können: »Und das ist in meiner Burg, unter meinen Augen zustande gekommen!« –
Da traf eines Nachmittages unerwarteter Besuch ein. Es war Herr Engelhard, der Abt des Klosters Gröningen an der Bode unweit Halberstadt. Dieser pflegte jährlich einmal hier einzukehren, las Messe, hörte Beichte und ließ es sich in der Burg ein paar Tage wohl sein. Stets kam er in der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten, war auch heuer Anfang Mai schon hier gewesen, und sein nochmaliges Erscheinen im Spätherbst wunderte den Grafen und die Gräfin. Er war ein Mann in höheren Jahren, mit fast weißem Haar und klugen Äuglein im vollwangigen Antlitz, der vergnügt plaudern und scherzen konnte, alle kirchlichen Angelegenheiten aber sehr ernst nahm.
Mit dem Beweggrunde zu seiner zweiten Reise hierher rückte er vorläufig nicht heraus, und als sich Eike zum Abendessen im Speisesaal einstellte, war er keineswegs überrascht, schon einen Gast auf dem Falkenstein vorzufinden. Die beiden Herren wurden miteinander bekannt gemacht, wobei es Graf Hoyer indessen nicht für nötig hielt, den Hochwürdigen in der schwarzen Ordenstracht der Benediktiner mit dem goldenen Kreuz auf der Brust über den Grund der Anwesenheit seines jungen Freundes aufzuklären. Die gegenseitige Begrüßung war eine durchaus freundliche, und es entspann sich schnell ein lebhaftes Tischgespräch. Manchmal sah der Abt den Ritter sinnend und prüfend an, und zuweilen schien es, als wollte er ihm mit unverfänglichen, leicht hingeworfenen Fragen über seine Ansichten von weltlichen Dingen im allgemeinen ein wenig auf den Zahn fühlen. Zur Erörterung von Gegenständen, über die sich hätte streiten lassen, kam es jedoch nicht, und so verlief das Mahl von Anfang bis zu Ende einträchtig und frohmütig.