Am Vormittag schlug der Abt, nachdem er in der Kapelle die Messe gelesen hatte, der Gräfin bei dem schönen Herbstwetter einen Gang in den Wald vor, den sie nicht ablehnen konnte.
Unter den Bäumen, deren entlaubte Zweige den noch wärmenden Sonnenstrahlen freien Durchlaß gewährten, wandelten sie gemächlich dahin und unterhielten sich über den Sommer und die Ernte, die Familienverhältnisse der benachbarten Adelsgeschlechter und die Botmäßigkeit der Lehns- und Dienstleute. Hier anknüpfend brachte der geistliche Würdenträger die Rede auf Wilfred, dessen er sich als einstigen Zöglings der Gröninger Klosterschule erinnerte, und erkundigte sich nach dem gegenwärtigen sittlichen Verhalten des damals leichtfertigen Burschen.
Die Gräfin konnte nur gute Auskunft geben, denn es war kein Tadel über Wilfred verlautbart.
»Nun er zu seinen Jahren gekommen ist, wird er ja hoffentlich vernünftig werden,« sprach der Abt. »Was tut und treibt er denn hier auf dem Falkenstein?«
»Der Graf hat ihn nach seinen Vagantenirrfahrten wieder in Gnaden aufgenommen, und jetzt versieht er das Amt eines Schreibers bei Herrn von Repgow,« berichtete die Gräfin.
»Dann besorgt er also wohl die Niederschrift oder die Abschrift des neuen Gesetzbuches, das der Ritter hier ausarbeitet?«
»Ihr wißt davon?« erstaunte Gerlinde.
»Man hat gelegentlich dies und jenes davon gehört,« gab der Abt ausweichend zur Antwort. »Seid Ihr in den Geist und Inhalt einigermaßen eingeweiht, Frau Gräfin?«
»Gewiß! ziemlich genau sogar,« erwiderte Gerlinde.
»Darf ich fragen, was für ein Urteil Ihr Euch darüber gebildet habt?«