Graf Hoyer trug schwerer an den jüngst zu Gerlinde und Eike geäußerten Sorgen, als er die beiden wissen lassen wollte und überlegte, wie er den Folgen des Engelhardschen Besuches abwehrend begegnen könnte. War er auch gewöhnt, jeder Gefahr die Stirn zu bieten, wollte er sich doch von keiner unvorbereitet überraschen lassen und traf seine Vorkehrungen, wenn er vermutete, daß und aus welcher Richtung ein Unheil gegen ihn heranzog. Dem Abte von Gröningen, dem Eikes Gesetzbuch, seit er nähere Kenntnis davon hatte, ein Dorn im Auge war, traute er nicht über den Weg und hielt ihn eines irgendwie ausführbaren Handstreiches, sich in den Besitz der schriftlichen Ausarbeitung zu setzen, für ebenso fähig wie willig. Deshalb beauftragte er den Wild- und Waffenmeister, dem Türmer und dem Torwart die größte Wachsamkeit einzuschärfen, daß sich nicht verdächtiges Gesindel in die Burg einschleiche.
»Wird nach Euren Befehlen geschehen, Herr Graf,« erwiderte der Wildmeister. »Goswig darf nicht schlafen; er soll die untere Spitze seines Spießes auf seinen Fuß und die obere unter sein Kinn stellen, damit er nicht einnickt.« –
Eike kamen solche Gedanken nicht in den Sinn, obschon es auch ihm unerwünscht war, daß die Klerisei von seiner Neugestaltung des deutschen Rechtswesens vorzeitig Kunde erhalten hatte und ihn nun mit allerhand anmaßlichen Einreden, Verwahrungen und Bestreitungen belästigen und in seiner noch unvollendeten Arbeit stören konnte. Die Angriffe von jener Seite her erwartete er erst dann, wenn sein Buch in die Welt hinausgegangen, im ganzen Reiche verbreitet und nichts mehr daran zu bessern, d. h. zu verderben war.
Dagegen drängten sich ihm Betrachtungen anderer Art auf und stellten ihn vor Fragen, die er sich nicht beantworten konnte.
Schon in den ersten Tagen nach der Abreise des kirchlichen Würdenträgers war es ihm aufgefallen, daß sich Gerlinde scheuer gegen ihn benahm und ihm mehr auswich als bisher. Wie sollte er sich das erklären?
Seit seiner Rückkehr von Reppechowe hatte sich ein so freundschaftlicher, herzlicher Verkehr zwischen ihnen herausgebildet, daß sie die frühere Zurückhaltung mehr und mehr abgestreift hatten, und nun war plötzlich eine Abkühlung bei Gerlinde eingetreten. Sollte auch hierbei der geistliche Herr seine Hand im Spiele haben? Hatte sie ihm Beichte abgelegt und ihm ihre Liebe gestanden, worauf er als Bedingung der Absolution von dieser Sünde die äußerste Beschränkung im Umgang mit ihm, mit Eike, über sie verhängt hatte? Gerade jetzt, nicht lange vor seinem Scheiden, empfand er den Wandel in ihrem Gebaren sehr schmerzlich, denn je näher die Trennung rückte, desto größer ward in ihm das Verlangen nach dem innigsten Einvernehmen mit ihr.
Die Ursache von Gerlindes scheuem Wesen sollte er jedoch bald auch ohne Nachforschung erfahren.
Melissa erschien bei ihm mit der Bestellung, die Frau Gräfin ließe Herrn von Repgow um eine Unterredung in ihrem Gemach bitten.