»Das wird sie gewiß,« erwiderte der Graf, »ich werde dir ein paar Zeilen an sie mitgeben. Sie ist meine Verwandte von der Schwertmagensippe, eine Gräfin Falkenstein, und hat als Äbtissin des freiweltlichen Stiftes den Rang einer reichsunmittelbaren Fürstin. Also niemand außer dem Kaiser hat ihr dreinzureden, was sie tun oder lassen will. Du nimmst Sibold mit und hast auch noch den Reitenden hinter dir, der das Schreiben gebracht hat. Wenn du morgen frühzeitig satteln läßt, kannst du gegen Abend wieder hier sein. Bist du aber bis übermorgen mittag nicht zurück, so schicke ich dir den Wildmeister mit einem Fähnlein gewappneter Reisiger nach. Einer von ihnen wird ja wohl lebendig wiederkommen und melden können, was aus dir geworden ist,« fügte er lachend hinzu.

Eike lachte mit, aber Gerlinde war still und nachdenklich, denn ihr bangte ernstlich um Eikes Sicherheit.

Es blieb bei der getroffenen Verabredung und sowohl an Sibold wie an den stiftischen Boten erging der Befehl, morgen früh mit dem Ritter von Repgow zu reiten.

Nach der Beratung verließen Gerlinde und Eike den Grafen, und jeden der drei beschäftigte die mit solcher Dringlichkeit und Heimlichkeit betriebene Angelegenheit insbesondere.

Graf Hoyer wollte den Verdacht seiner Gemahlin, daß die Aufforderung zu dem Besuch eine vom Abt gestellte Falle sein könnte, nicht ganz von der Hand weisen. Gerade dieser, nicht die Äbtissin, wußte, daß ihm das Reiten schon zu beschwerlich war, und da lag es sehr nahe, daß er den Gastfreund als seinen Vertreter nach Quedlinburg entsenden würde, woraus sich die Möglichkeit ergab, sich Eikes aus einem Hinterhalt zu bemächtigen.

Allein bei Licht besehen wäre es doch eine gar zu große Kühnheit, ja Frechheit seitens des Abtes, Eike unterwegs gewaltsam aufheben zu lassen und ihn als Gefangenen in eine Gröninger Klosterzelle zu sperren, um dort seine gesetzgeberische Arbeit zu überwachen und ganz im Sinne des herrschsüchtigen Klerus zu leiten. Das wäre ein völlig aussichtsloser Versuch, denn eher machte der Rhein in seinem Laufe Kehrt und flösse bergauf von Köln nach Konstanz, als daß sich Eike nur einen Strohhalm breit beugen ließ.

»Nein, nein!« sprach Hoyer zu sich selbst, »zu so grob zutappenden Übergriffen nimmt der vorsichtige Benediktiner seine Zuflucht nicht, der spinnt feineres Garn für seine Netze und würde sich ohne höheren Auftrag, auf eigene Verantwortung nimmer so weit vorwagen. Aber welcher Höhere sollte ihm einen solchen Auftrag erteilen? der Bischof? der bedient sich keines vorgeschobenen Handlangers, sondern packt selber rasch zu, wo er einzuschreiten für nötig findet. Also abwarten! Eike wird morgen kein Abenteuer zu bestehen haben, es sei denn ein ritterlich gefälliges im Quedlinburger Schlosse, wo es sich vielleicht nur um Rat und Rechtsbeistand handelt, ein umstrittenes Kunkellehen für eine der Konventualinnen zu ergattern, welche ›sehr wichtige Angelegenheit‹ die gute Osterlindis zu einer res divina aufbauscht.«

Gerlinde wurde nicht so schnell mit ihren Sorgen fertig, und daß auch der Graf mit Gefahren für Eike rechnete, ging daraus hervor, daß er ihm, falls er bis übermorgen mittag nicht zurück wäre, eine Schar Reisige nachschicken wollte. Ja, übermorgen konnten die leicht zu spät kommen, die sollte ihm Hoyer lieber gleich morgen zu Schutz und Geleit mitgeben, aber ihn darum bitten mochte sie nicht, um nicht eine allzu warme Teilnahme durchblicken zu lassen.

Einer freute sich auf den Ritt nach Quedlinburg, der berühmten Heinrichsstadt, wo die Kaiser sächsischen und fränkischen Stammes oft ihr Hoflager aufgeschlagen und manchen glänzenden Reichstag abgehalten hatten. Das war Eike; noch niemals war er in der schön gelegenen Stadt gewesen, hatte sie mit ihrem Schloß und dem ragenden Dom immer nur von weitem gesehen, wenn er sich mit seinem Freunde Hinrik Warendorp ein Stelldichein im Gasthaus am Scheideweg gegeben. Die Besprechung mit der Domina würde hoffentlich nicht so lange währen, daß ihm nicht noch Zeit genug übrig bliebe, sich in dem mauerumgürteten Quitilingeburg gehörig umschauen zu können.