Der Graf war sehr ernst, aber vollkommen ruhig. »Hast du das von der Äbtissin selbst?« fragte er.

»Ja!«

»Erzähle der Reihe nach.«

»Die Kapellanin Fräulein Adelheid von Hakeborn meldete mich der Domina an, und es dauerte eine Weile, bis sie mich zu empfangen geneigt war. Sie war erstaunt und, wie mir schien, wenig zufrieden, statt Eurer einen ihr völlig Fremden vor sich zu sehen. Als ich ihr aber Euer Brieflein dargereicht und sie es gelesen hatte, sagte sie verbindlich: Mein lieber Vetter Hoyer schreibt mir, er könnte leider nicht nach Quedlinburg reiten, ich möchte Euch das gleiche Vertrauen schenken wie ihm selber, und das will ich auf die gute Empfehlung hin auch tun. Darauf eröffnete sie mir unter der Bedingung strengster Verschwiegenheit, der Domherr Konrad von Alvensleben, der ihr und ebenso Euch befreundet sei, habe ihr den Wink zukommen lassen, daß der Domdechant an dem genannten Tage hier erscheinen werde. Das habe sie Euch mündlich mitteilen wollen, weil ihr eine briefliche Preisgebung des Geheimnisses zu bedenklich gewesen wäre. Näheres wisse sie nicht, als daß unzweifelhaft eine feindselige Absicht dahinter stecke. Ihr aber würdet schon verstehen, was dieser Schritt zu bedeuten habe.«

»O ja, ich verstehe es,« versetzte der Graf mit dem Tone beißenden Spottes.

»Ich auch,« sagte die Gräfin. »Osterlindis ist dir für deine Entscheidung des Palmsonntagstreites zu ihren Gunsten Dank schuldig, den Bischof aber hast du dir damit, wie ich dir damals gleich prophezeite, zum unversöhnlichen Feinde gemacht, und als dem Protektor des Herrn von Repgow und seines Buches, das unter deinem Dache und mit deiner Billigung geschrieben ist –«

»– wird er nun auch mit mir den Zank vom Zaune brechen,« fiel der Graf ein. »Darauf bin ich gefaßt, und der Domdechant Anno von Drondorf ist ganz der Mann dazu, den Kampf aufzunehmen. Er ist aus anderem Holz geschnitzt als der Abt von Gröningen, ist gelehrt, schlangenkundig und doch zu stolz, um zu heucheln, und auch bei ihm kommt dreimal voran alles Kirchliche und dann erst ganz nebensächlich das Irdische und Menschliche. So ist er die zuverlässigste Stütze des Bischofs, der sich eifersüchtig und trotzig auf seine geistlichen und weltlichen Hoheitsrechte steift und großmächtig den Krummstab über seiner Diözese schwingt. Wir haben es also mit nicht zu verachtenden Gegnern zu tun, Eike, und da gilt es, der anrückenden Gewalt auch mit Gewalt zu begegnen, die Hand am Schwertgriff und den Fuß fast schon im Bügel.« So sprach der Graf, und die beiden andern sahen's und hörten's ihm an, daß er zum äußersten Widerstand entschlossen war.

»Ich bedaure, Herr Graf, daß ich es bin, der Euch in diese leidigen Zwistigkeiten verstrickt,« sagte Eike.

»Deine Sache ist meine Sache,« erwiderte der Graf, »und auch meine wackeren Gesellen, die Harzgrafen, werden sie zu der ihrigen machen. Ich werde sie zu einer gemeinschaftlichen Beratung einberufen und bin überzeugt, daß wir alle eines Sinnes und Willens sein werden, uns den Halberstädtern mit stahlharter Zähigkeit entgegen zu stemmen. Dein Kodex ist hier im Harz entstanden, und wir Harzer werden ihn mit allem Nachdruck vertreten und salvieren. Bis zu Mariä Opfer sind es von heut an noch sechs Tage; die müssen ausgenutzt werden, damit die Grafen, wenn der Domdechant eintrifft, hier versammelt sind.«