Am meisten war Wilfred über die Entsendung gleich dreier reitenden Boten erstaunt, denen noch dazu größte Eile und strengste Verschwiegenheit anbefohlen war, so daß sie dem neugierigen Schreiber jede Auskunft verweigerten, wo sie die ihnen auf die Seele gebundenen Briefe abzuliefern hätten.
Was war da im Gange? eine überschwengliche Ehrung des Herrn von Repgow zur Feier der Vollendung seines Werkes? aber so weit war es ja damit noch gar nicht, wie er, der stetige Helfer daran, doch am besten beurteilen konnte. Das wäre ein ausgezahlter Lohn vor getaner Arbeit, also nicht als wahrscheinlich anzunehmen.
Dennoch blieb Wilfred dabei, daß diese geräuschvollen Veranstaltungen in irgend welchem Zusammenhange mit dem Ritter stehen mußten, als gelte es, ihm ein glänzendes Fest zu bereiten, zu dem vielleicht sogar die Äbtissin von Quedlinburg, bei der er gestern gewesen war, die Anregung gegeben hatte und zu dessen Verherrlichung der Graf nun noch andere adlige Familien brieflich aufforderte.
Dann aber war die Mühe, die er sich mit den schriftlichen Auszügen für den Abt von Gröningen gemacht hatte, umsonst gewesen. Statt der dem Gelehrten rachsüchtig eingerührten Verlegenheiten und Niederlagen sollte dieser nun eitel Lorbeeren ernten, weil der Abt die ihm gelieferten Handhaben zur Demütigung des Feindes leider und unbegreiflicherweise nicht benutzte.
Von Melissa war nichts herauszukriegen, denn die Gräfin hielt den Grund der getroffenen Anordnungen auch vor ihrer getreuen Gürtelmagd geheim, und da mußte sich Wilfred mit seinem schadhaften Gewissen zur Geduld bequemen, bis die Tatsachen selber den Schleier lüfteten, der das Nächstkünftige undurchdringlich verhüllte.
Um ihn nicht noch mehr zu beunruhigen, verschwieg ihm Melissa die von ihr gemachte Beobachtung, daß ihre Herrin sichtlich verstimmt und bedrückt sei, als wäre ihr der Empfang der zu beherbergenden Gesellschaft lästig und die von ihrem Gemahl eingeladenen Gäste unwillkommen.
Hierin täuschte sich die kleine Zofe jedoch. Die Gäste waren Gerlinde sehr willkommen bis auf den einen ungebetenen, den Domdechanten von Halberstadt. Sie wußte, was bei dieser Zusammenkunft für Eike von Repgow auf dem Spiele stand, und konnte sich der festen Zuversicht ihres Gemahls, die Gefahr mit Hilfe der anderen Harzgrafen zu beschwören, nicht sorglos anschließen. Darum schwebte sie beständig zwischen Angst und Hoffnung in der peinvollen Ungewißheit, welchen Ausgang die bevorstehenden Verhandlungen nehmen würden.
In ihr wogte ein heißer Kampf der Gefühle. Mit ihrem gläubigen Sinn war sie auf der Seite des Bischofs und des vornehmen Kapitulars, den er als Richter hersandte, und mit ihrem liebenden Herzen hing sie an dem Urheber des bedrohten Werkes und wünschte ihm in dem Streite mit seinen Gegnern den Sieg.
Über diesen inneren Zwiespalt ging sie ernsthaft mit sich zu Rate. Eikes Überzeugungen achtete sie aufs höchste, und bei so wesentlich voneinander abweichenden Anschauungen, wie die seinigen und die ihrigen waren, mußte einer von beiden, er oder sie, im Irrtum sein. Sie war in Ehrfurcht vor der christlichen Kirchenlehre, deren Satzungen ihr als oberstes, unumstößliches Gebot im menschlichen Leben galten, erzogen und aufgewachsen und hatte nie von anderen Rechten gehört als von den altererbten des Lehnsherrn gegen seine Lehnsleute, und nun kam ein ritterlicher Mann, der sich gegen die bisher unbestrittene geistliche Macht aufbäumte, ganz neue Begriffe von Recht und Unrecht aufbrachte und deren Anwendung in allen Verhältnissen und in allen Schichten des Volkes durchsetzen wollte. Aber – und das gereichte ihr doch wieder zur Beruhigung – er wandelte diesen viel Mut und Selbstvertrauen erfordernden Weg nicht allein, ihr Gemahl und seine gräflichen Standesgenossen schritten neben ihm, ihn mit dem Klange ihrer Namen, und, wenn nötig, mit Waffengewalt zu schützen und zu stützen.
Da mußte die in einfältige Frömmigkeit gewiegte Frau wohl an ihrem Wunderglauben irre werden und sich der besseren Einsicht welterfahrener Männer unterwerfen. Jetzt war ihr sehnlichster Wunsch, dem Lanzenstechen zwischen dem Ritter und dem Dechanten beiwohnen zu dürfen, was man ihr aber schwerlich gestatten würde. –