Darüber kam es zu scharfen Auseinandersetzungen. Der Stolberger verteidigte den Klerus, aber die anderen pflichteten dem Hohnsteiner bei, trieben den Grafen Botho ungestüm in die Enge und redeten, oft alle zugleich, so lange auf ihn ein, bis er endlich keine stichhaltigen Gegenvorstellungen mehr vorzubringen wußte. Den Grafen Günther von Regenstein, der auch ein rascher Draufgänger war, suchte sein Freund Johann von Blankenburg zu zügeln, und den Hohnsteiner zu besänftigen hatte Graf Hoyer viel Mühe.
Diesen ermahnte Graf Burkhard von Mansfeld, sich nicht zu große Anstrengungen beim Sprechen zuzumuten. Er riet, die Verhandlungen für heute abzubrechen und erst in Gegenwart des Domdechanten weiterzuführen, dem gegenüber er auf festen Zusammenhalt und volle Einstimmigkeit der Anwesenden hoffe.
Damit waren alle einverstanden. Die wenigen noch nicht ganz ausgeglichenen, aber leicht überbrückbaren Spaltungen in der Erörterung von Nebendingen wurden beiseite gelassen, und keiner der über die Grundzüge der neuen Rechtsordnung schon so gut wie Geeinigten trug dem andern ein derbes Wort nach, das ihm in der Hitze des Gefechts ungewollt entschlüpft war.
Längst waren im Zimmer die Kerzen angezündet, und schon vor einer halben Stunde hatte Folkmar den Kopf zur Tür hineingesteckt und dem Schloßherrn zugewinkt, daß es Essenszeit wäre. Das war jedoch in dem eifrigen Reden und Streiten von niemand beachtet worden.
Jetzt erschien unerwartet Gräfin Gerlinde, was allgemeine Verwunderung und Freude erregte und dem bereits erklärten Burgfrieden eine gewisse Weihe gab. Die ritterlichen Herren erhoben sich und vernahmen aus dem Munde ihrer verehrten Wirtin die anmutig einladende Mitteilung, daß der Tisch gedeckt sei.
»Halali!« rief Heinrich von Hohnstein in singendem Ton. »Verzeiht, Frau Gräfin! wir konnten mit meinem alten Freunde Stolberg nicht fertig werden; er will den Papst entthronen und allen Geistlichen vom Bischof bis zum letzten Leutpriester den Brotkorb höher hängen. Mich dauerten die armen Unterdrückten, schwer Verkannten, und ich trat mit ein paar begütigenden Worten entschieden für sie ein. So ist uns die Zeit im Fluge vergangen, aber jetzt sind wir einig und ganz zu Euren Befehlen, holdeste aller Frauen!«
Da lachten sie alle, auch Botho von Stolberg und Gerlinde, die den bitteren Spott des unbändigen Raufboldes deutlich herausfühlte.
Graf Burkhard von Mansfeld bot der Gräfin den Arm und führte sie in den Speisesaal, wo er an der Tafel zu ihrer Linken Platz nahm, während Graf Hohnstein ihr Nachbar zur Rechten wurde. Eike wußte es einzurichten, daß er neben dem Grafen von Stolberg zu sitzen kam, den er gern noch ein wenig zu seinen Gunsten bearbeiten wollte.
Es ging bei Tische sehr lustig her. Heute waren sie ja noch unter sich, ohne den Domdechanten, und dachten nicht daran, wie das morgen und übermorgen werden würde, wenn die Schlacht zwischen geistlicher Willkür und weltlicher Rechtsordnung geschlagen war.
Die Herren erzählten sich Jagdabenteuer, Fehdegeschichten und Reiterstücklein, sprachen von Pferden und Hunden und auch wohl von Frauenschönheit und Minne.