Sie gingen willig darauf ein und saßen bald um ihn versammelt wieder in Hoyers Gemach. Dort nahm er das Wort und erklärte, er habe während der halb schlaflosen Nacht die ihm gemachten eindringlichen Vorstellungen auf das genaueste erwogen und gestehe zu, daß sich die Geistlichkeit allerdings manche unerträglichen Übergriffe in weltliche Hoheitsrechte und Lehnsverhältnisse zuschulden kommen lasse, denen mit Ernst gesteuert werden müsse. Da ihm viel daran liege, sich mit seinen lieben Freunden und Wappengenossen in vollem Einklang zu befinden, ziehe er seine gestern erhobenen Bedenken gegen einige anfechtbare Bestimmungen des neuen Gesetzbuches hiermit zurück, wenn ihm der Herr Verfasser nur in einem Punkte nachgeben wolle. Es heiße, geistliches Recht und weltliches sollen miteinander gehen; er schlage jedoch vor, daß die Rechtsverfahren ganz voneinander getrennt würden und in rein geistlichen Angelegenheiten, die mit weltlichen Händeln nichts zu schaffen hätten, die geistlichen Gerichte allein urteilen sollten und ebenso umgekehrt. Eine derartige, streng durchgeführte Sonderung empfehle sich sowohl aus Gründen der Gerechtigkeit wie der Zweckmäßigkeit, um unbefugte Einmischungen, Mißhelligkeiten und Reibereien in Zukunft zu vermeiden. Er bitte die Herren, sich über seinen Vorschlag zu äußern.

Sie blickten zu Eike hin, um erst die Meinung des Rechtsgelehrten zu hören.

Der sprach nach kurzem Besinnen: »Das ist ein guter, annehmbarer Vorschlag, den ich als Kanon meinem Buche einverleiben werde mit dem Wunsche und unter der Voraussetzung, daß er überall richtig ausgelegt und gewissenhaft befolgt wird.«

Seinem Ausspruch stimmten die anderen gern zu, voller Freude, daß mit diesem Zugeständnis die angestrebte Einmütigkeit erreicht war, welchem Gefühl Graf Hohnstein Ausdruck verlieh, indem er die Hände zusammenschlagend ausrief: »Na, da wären wir ja nun Gott sei Dank! alle ein Herz und eine Seele. Nun möge das strahlende Kirchenlicht aus Halberstadt den bischöflichen Segen über uns arme Sünder ausgießen. Wir wollen den Leisetreter mit Sammetpfötchen bewillkommnen und mit Blechhandschuhen verabschieden.«

Sie lachten über die von dem lustigen Helmgauer ausgegebene Losung, und die Sitzung war aus.

Darauf zerstreuten sich die Herren und vertrieben sich die Zeit bis zur Mittagsstunde jeder nach seinem Belieben. Der Mansfelder und der Stolberger besichtigten die Rosse in den Ställen. Graf Hohnstein ging mit Eike auf den Altan und schaute zu den Bergen hinüber und in den Forst, ob sein scharfes Jägerauge nicht äsendes oder ziehendes Wild entdeckte. Die beiden immer aufgeräumten Grafen von Blankenburg und Regenstein klopften bei der Gräfin an und machten ihr, da sie ihnen in ihre Kemenate einzudringen erlaubte, um die Wette den Hof, was sich Gerlinde in Huld und Gnade gefallen ließ. Graf Hoyer aber blieb in seinem Zimmer und streckte sich zu einer kurzen Ruhe aus, deren er dringend bedurfte. –

Als das Mittagessen längst vorüber war und es zu dämmern begann, erscholl vom Bergfried ein ungewöhnlicher Hornruf, der den Wissenden die Ankunft des Domdechanten verkündete und Gerlinde aus träumenden Gedanken aufschreckte, denn mit dem feierlich Angeblasenen nahte sich das dem Geliebten drohende Verhängnis.

Graf Hoyer stieg die Treppe hinab, um den Prälaten zu empfangen, mochte diesen auch eine so rücksichtsvolle Aufmerksamkeit Wunder nehmen und vielleicht kopfscheu machen.

Die Begrüßung war eine beiderseits ehrerbietige. Der Dechant hielt das Entgegenkommen des Schloßherrn für eine althergebrachte Gepflogenheit beim Ertönen der Fanfare vom Turm und fand dies einen sehr lobenswerten Brauch. Der Graf aber geleitete den neuen Gast in das für ihn bereite Losament, wo er ihn der Bedienung Folkmars überließ.

Wilfred hatte gesehen, daß ein hoher Geistlicher in den Burghof geritten war, und witterte sofort, daß dieser Besuch eine Folge von dem des Abtes von Gröningen war, der nun doch endlich Unkraut in Repgows blühenden Weizen gesät zu haben schien. Also darum die festlichen Vorbereitungen, die ihm jetzt weniger zu einer Ehrung Eikes als zu einem Henkermahl für diesen geeignet däuchten. Teils frohlockend, daß das Verderben den Bücherwurm ereilte, teils bangend vor dem, was ihm selber dabei widerfahren könnte, verkroch er sich still in sein Kämmerlein.