In einem großen Gemache waren sämtliche Grafen mit Eike von Repgow um die Gräfin geschart, die durch ihre Gegenwart dem Empfang eine heiter gesellige Form geben sollte, welche Aufgabe, als es so weit war, Gerlinde auch mit Geschick und Anmut löste.

Beim Eintritt des Dechanten flog ein kaum merkliches Zeichen des Erstaunens über sein Gesicht, das aber ebenso schnell wieder verschwand, wie es aufgeblitzt war. Mit weltmännischer Gewandtheit verneigte er sich vor der Gräfin und wechselte ein paar artige Worte mit ihr. Jedem der Grafen, die ihm alle bekannt waren, reichte er die Hand und fragte nicht nach den Umständen dieses unverhofften Wiedersehens. Dann kam Eike an die Reihe, dessen Namen ihm Graf Hoyer nannte, obschon der geistliche Herr ohnehin nicht zweifeln konnte, daß er den jetzt vor sich hatte, den hier zu finden er sicher gewesen war.

Da standen sie nun, von allen Anwesenden heimlich beobachtet, die beiden, der Kapitular und der Ritter, Auge in Auge gegenüber und maßen sich mit prüfenden Blicken. Sie waren sich ihrer Stellung zueinander bewußt, aber ihre Mienen verrieten nichts Feindseliges, und die Ursache ihrer Begegnung hier auf dem Falkenstein wurde auch in ihrem flüchtigen Gespräch nicht berührt. In ihrem Innern waren sie kampfgerüstet, äußerlich wahrten sie eine achtungsvolle Höflichkeit.

Herr Anno von Drondorf war von hochgewachsener, hagerer Gestalt mit einem bleichen, scharf geschnittenen Antlitz, grauem Haar und einem Paar tief in ihren Höhlen liegender Augen, über die sich dichte, geradlinige Brauen zogen. Seine Bewegungen waren gemessen, seine Redeweise kühl und überlegt, seine ganze Erscheinung würdig und vornehm. Aber unter der Maske der Ruhe und Zurückhaltung ließ sich seinem sicheren Auftreten nach unerschütterliche Willenskraft und Entschlossenheit vermuten.

Man kam alsbald in ein allgemeines Gespräch, das sich unter absichtlich reger Beteiligung der Gräfin in ebenen Geleisen hielt und sich mühsam bis zur Tischzeit hinschleppte.

Nachher, im Speisesaal, wurde das anders. Der Domdechant, der zwischen Gräfin Gerlinde und dem Grafen Johann von Blankenburg saß, wachte aus seiner Versonnenheit auf und unterhielt sich mit seinen Tischnachbarn sehr lebhaft über klösterliche Kunst und Wissenschaft und über geschichtliche Ereignisse der Vergangenheit, wobei er öfter das Wort an den ihm gegenübersitzenden Eike richtete, um dessen Kenntnisse auch in Dingen zu erforschen, die außerhalb seines Faches, der Rechtspflege, lagen.

Gerlinde freute sich zwar über die Zuvorkommenheit des Prälaten gegen den Gelehrten, ließ sich aber dadurch nicht bestechen und zu schmeichelnden Hoffnungen verführen, sondern war beständig auf der Hut, jeder etwa verletzenden Äußerung zwischen den beiden vorzubeugen. Es bedurfte jedoch solcher Fürsorge nicht, denn von keiner Seite kam es zu Erörterungen, die den Frieden hätten stören können.

Auch Graf Hoyer bemühte sich, seinem Gaste das Verweilen in einem Kreise, in dem er nur Gegner um sich hatte, so angenehm wie möglich zu machen und hielt seinen Freund Hohnstein, der immer auf dem Sprunge war, den Halberstädter herauszufordern und zu reizen, beschwichtigend im Zaune.

Als zum Nachtisch noch ein neuer Wein aufgetragen wurde, fragte der Dechant den Grafen Hoyer, ob es ihm recht sei, wenn er morgen früh in der Burgkapelle eine Messe läse.