Alle wollten sich gern für den Ritter schlagen, der dem Domdechanten so mannhaft die Stirn geboten hatte. Das ihm dafür reichlich gespendete Lob machte Gerlinde so stolz, als würde es ihr selber gezollt. Immer mußte sie sich zu ihm hinwenden und den gefeierten Helden und Gelehrten zu ihrer Linken bewundernd ansehen.
Am anderen Morgen zogen die fünf Grafen mit ihrem Gefolge fröhlich vom Falkenstein ab, nachdem ihnen Eike für ihren entschlossenen Beistand noch einmal gedankt hatte. –
Nun wurde es wieder still und friedlich in der Burg. Eike war wieder fleißig an der Arbeit, als wäre seit seinem Ritt nach Quedlinburg nichts Besonderes hier vorgegangen. Es fehlten nur noch wenige Artikel zur Vollendung seines Werkes, und er beeilte sich nicht damit, weil er das Scheiden von Gerlinde gern noch etwas verzögern wollte.
Sie wußte, daß es kaum Wochen, vielleicht nur noch Tage waren bis zur Trennung, vor der ihr graute. Soviel wie möglich suchte sie seine Gesellschaft, denn ihrer bemächtigte sich eine so verlangende Sehnsucht, wie sie sie glühender noch nie empfunden hatte. Wenn sie mit ihm allein war, was jetzt häufiger geschah denn je, rollte ihr das Blut wie flüssiges Feuer durch die Glieder, und mehr als einmal war sie nahe daran, sich an seine Brust zu werfen und sich an dieser Zufluchtstätte ihrer grenzenlosen Liebe auszujubeln oder auszuweinen.
Eike war es, der den Kopf oben behielt und die Herrschaft über sich nicht einen Augenblick verlor, doch Gerlinde merkte es ihm an, wie schwer auch er mit sich kämpfte, und jeder las im Herzen des andern: o wärest du mein! Aber – ein blankes Schwert lag zwischen ihnen.
Graf Hoyer sah, was in den beiden sich regte, doch kein Groll stieg in ihm auf, denn er fühlte, auch seine Tage waren gezählt, nur in einem andern Sinn als die seines jungen Freundes. Nicht die leiseste Andeutung, auch nicht im Scherze, entschlüpfte ihm darüber, daß er wußte, wie es mit ihm bestellt war. Auch die Erkenntnis seines eigenen Schicksals verhehlte er ihnen sorgsam, und das Verhältnis zwischen den dreien blieb ein ungetrübt heiteres und trauliches wie es immer gewesen war.
Gerlinde trug Eike die schüchterne Bitte vor, er möge ihr erlauben, an Wilfreds Statt die noch übrige Abschrift zu übernehmen.
Das freundliche Anerbieten rührte ihn, doch weigerte er sich, der geliebten Frau diese Mühwaltung aufzubürden.
»Ihr machtet mir eine Freude damit, Eike,« sprach sie. »Denkt doch, welche Erinnerung es für mich wäre, bei dem letzten Abschnitt Eures Buches ein klein wenig mitgewirkt zu haben!«
Da willigte er ein, denn ihm wäre es ein reiches Geschenk, einige Blätter, von Gerlinde geschrieben, zu besitzen, die er zeitlebens aufbewahren würde.