Graf Hoyer hatte den beiden Vorgängen mit einem verschmitzten Lächeln beigewohnt. Jetzt nahm er das Wort: »Das beste kann doch ich dir bescheren, Eike!« Er griff in die Tasche, schwenkte dann einen Brief in der Rechten und rief: »Hier eine Botschaft, die ihr gewiß mit Freuden hören werdet! Es gibt keine Fehde, der Bischof von Halberstadt duckt sich vor der verbündeten harzgräflichen Kriegsmacht. Die Äbtissin Osterlindis schreibt mir, und diesmal eigenhändig, sie wisse aus sicherster Quelle, daß der Bischof auf dringendes Anraten des von dem greisen und weisen Dompropst Meinhard von Kranichfeld stark beeinflußten Kapitels davon absehe, den Bann über dich zu verhängen. Dagegen will er dich greulichen Ketzer beim Kanzler und Hofrichter des Kaisers, Herrn Petrus de Vinea, verklagen und hofft von ihm ein entschiedenes weltliches Einschreiten gegen dein verruchtes Gesetzbuch. Graust dir davor, Eike?«
»Nein, Herr Graf!« lachte Eike. »Kaiser Friedrich spricht noch viel weniger die Reichsacht über mich aus als Papst oder Bischof den Kirchenbann.«
»Nun, dann können wir uns getrost zu Tische setzen. Schenk' ein, Gerlinde, auf daß auch der Wein unsre Herzen erfreue!«
Die Gräfin füllte mit vor Erregung zitternder Hand die silbernen Pokale, die heut aufgestellt waren, und der Graf fuhr fort: »Auf den Frieden und auf unsere treue Freundschaft!«
Sie stießen miteinander an, und nachdem sie getrunken hatten, sprach der Graf wieder: »Du hast mit deinem Werke eine große, befreiende, ewig denkwürdige Tat vollbracht, Eike, und jetzt richte ich eine Frage an dich, auf deren Beantwortung ich sehr begierig bin. Wie willst du es nennen?«
»Der Sachsenspiegel soll es heißen,« erwiderte Eike mit erhobener Stimme.
»Der Sachsenspiegel?«
»Ja! der Titel stand bei mir fest, ehe ich eine Zeile geschrieben hatte, und dem Kaiser Friedrich verdanke ich ihn. Er sagte in Cremona zu mir: ›Du willst also den Sachsen einen Spiegel des Rechtes vorhalten.‹ Das treffliche Wort merkte ich mir, Graf Hoyer, und unter dieser Flagge soll mein hochgetakelt Schiff mit vollen Segeln in die Flut des Lebens hinausfahren.«
»Dann: Gott segne den Sachsenspiegel!« rief der Graf, den Pokal noch einmal schwingend.