Schon in manchen Stunden waren ihm Zweifel gekommen, wie er im Grunde mit Gräfin Gerlinde daran war, denn ihr Benehmen gegen ihn war von einer Unbeständigkeit, die er sich nicht zu erklären vermochte. Sie konnte herb und verschlossen sein und dann wieder verbindlich und mitteilsam. Was hatten diese, durch äußere Vorgänge nicht veranlaßten Wechsel in ihrer Stimmung zu bedeuten? Verzieh sie ihm seine weltliche Gesinnung nicht? Oder wurde ihr sein Verbleiben hier auf die Dauer lästig, daß sie ihm dies zu erkennen geben und dann ihre ablehnende Haltung, sie am nächsten Tage bereuend, durch verdoppelte Freundlichkeit wett machen wollte? In keinem von beiden konnte er die eigentliche Ursache ihres unsteten, zwischen zutraulichem Entgegenkommen und sprödem Zurückweichen schwankenden Wesens erblicken, und Launen, unberechenbare, unbegreifliche Launen hatte er niemals an ihr wahrgenommen. Sie war ihm ein Rätsel, aber gerade dieses Rätsel holdester Weiblichkeit zu lösen und in seinen dunkelsten Tiefen hellsehend zu werden, reizte ihn.
Heute, nach ihrer wundersamen Erscheinung vor seinem inneren Auge, konnte er seine zerstreuten Gedanken nicht mehr sammeln. Eine fiebernde Unrast befiel ihn, daß er sich in seinem Gemache wie in einem Gefängnis fühlte, dem er entfliehen wollte. Er mußte hinweg aus diesen Mauern, in den Wald hinein, unter brausende Wipfel und segelnde Wolken, um seinen benommenen Kopf von Dumpfheit und Wirrsal frei zu machen und frische Kraft zur Arbeit zu gewinnen.
Es war ein zum Wandern einladender Vormittag mit halbbedecktem Himmel und mäßig wehendem Winde, und Eike verließ seine Schreibstube in der Hoffnung, da draußen Ruhe und Erholung zu finden. Eilenden Fußes stieg er die Treppe hinab.
Auf dem Burghof fand er Folkmar mit zwei gesattelten Pferden. »Wo soll es hingehen, Folkmar?« fragte er verwundert.
»Nach Quedlinburg, Herr Ritter,« erwiderte der Diener. »In der Frühe ist ein Bote eingetroffen, der den Herrn Grafen –«
Da trat Graf Hoyer schon aus der Tür und verständigte den Freund: »Ich muß nach Quedlinburg zur Äbtissin Osterlindis. Sie ist eine Verwandte von mir, eine Gräfin Falkenstein, und ich bin ihr Schirmvogt. Es handelt sich um die Entscheidung eines verwickelten Rechtsstreites mit dem Bischof von Halberstadt, und du solltest mitkommen, Eike, und als schöffenbarer Mann von Fach mir helfen, das Urteil zu finden.«
»Gern tät' ichs, Herr Graf!« gab Eike zur Antwort, »aber ich muß mich hier selber mit verzwickten Problemen herumschlagen.«
»Dann auf Wiedersehen hoffentlich morgen abend, und überarbeite dich nicht, Eike!« sagte der Graf, schwang sich in den Sattel und ritt mit Folkmar ab.
»Gottbefohlen und gutes Gedinge!« rief ihm Eike nach.