Der Graf bog in den Reitweg ein, während Eike auf dem schmalen und kürzeren Fußpfade zu Tale strebte.

»Morgen abend – hoffentlich – also zwei Tage mit Gerlinde allein hier,« sprach er nachdenklich zu sich selber. »Wie wird sie sich da gehaben? wird sie nun den Schleier ein wenig lüften, mit dem sie bis jetzt ihr Innerstes scheu verhüllte, oder wird sie auch unter vier Augen das Buch mit sieben Siegeln bleiben? Gern träte ich ihr näher, und sie sollte doch allmählich zu der Ansicht gelangt sein, daß die Verehrung, die ich ihr unverhohlen entgegenbringe, keine oberflächliche, gekünstelte Höflichkeit ist, sondern mir aus dem Herzen kommt. Ich begehre nichts von ihr, was sie nicht gewähren darf, aber etwas mehr bare Münze von ihrem geistigen und seelischen Eigentum könnte sie mir wohl zufließen lassen; einzig mit anmutigem Getändel und lächelnder Huld ist das nicht getan. Ich will so ernst von ihr genommen werden wie ich sie selber nehme.«

So redete Eike im Bergabgehen krittelnd und mäkelnd in sich hinein und ahnte nicht, was alles sich in Gerlinde hinter dem anmutigen Getändel und der lächelnden Huld verschanzte.

Unten im Tale mit der weiten, entzückenden Aussicht auf Wiesen und Wälder, die beruhigend auf ihn wirkte, entschlug er sich aber seiner grilligen Betrachtungen, überschritt das Tal und stieg auf der anderen Seite gemächlich wieder bergan.

Er ging ohne Weg und Steg, schweifte bald rechts, bald links ab, wenn ihn eine daherleuchtende Blüte lockte oder ihn das Rascheln eines durch Gestrüpp und Gerank flüchtenden Tieres aufmerken ließ. Aus den Buchen und Eichenkronen erscholl ein wuchtiges Rauschen und bewegliches Tuscheln, und ein leises Säuseln und Pfeifen schwirrte durch die Nadeln der Fichten. Die Blumen wiegten sich auf ihren Stengeln, und die wispernden Gräser neigten und nickten sich nachbarlich zu. Was mochten sich die Kinder des Waldes erzählen, die Blätter und Halme und all das Gewürm, das da kroch und krabbelte, burrte und surrte? Hatten auch sie ihre Sorgen und ihre Freuden, ihre geflüsterten Liebeshändel und Klatschgeschichten wie das Menschenvolk, das ihre Sprache wohl hörte, aber nicht verstand? Eike wandelte still durch das vieltausendfältige Naturleben, gab sich dem Genuß, es bis ins kleinste zu beobachten, geflissentlich hin und dachte weder an weltliche noch an geistliche Gerichtsbarkeit.

Dabei war er, kaum wissend wie, auf dem Bergesrücken angekommen und hatte nun den Falkenstein in gleicher Höhe jenseits des Tales vor sich. Da hielt er an und schaute lange hinüber. Die steingraue Burg ragte nur mit dem Obergeschoß und dem Turm über das Laub der Bäume hinaus und hob sich in scharfkantigen Umrissen von dem weißen Gewölk malerisch ab. Eike erkannte die Fenster seiner Wohnstätte, wo er, über ungezählte Papiere gebeugt, sich Tag für Tag angestrengt mühte, und sah auch den Altan, auf dem er am zweiten Abend nach seiner Ankunft mit dem Grafen und der Gräfin bis in die Nacht hinein gesessen und ihnen Vortrag gehalten hatte. Doch, wo war das kleine, trauliche Gemach Gerlindes? – das herauszufinden war ihm nicht möglich. Wie aber wäre es, wenn er sich jetzt dahin versetzen und wie sie an seinem Schreibtisch plötzlich an ihrem Stickrahmen leibhaftig vor ihr erscheinen könnte? Er mußte lachen über den tollen Einfall, ihr einen spukhaften Gegenbesuch zu machen, und wollte den Heimweg antreten, denn das Blinken seiner Fenster da drüben erinnerte ihn an die Arbeit, die seiner dort harrte und bei der ihn in den letzten anderthalb Wochen oft Unsicherheit und Zagen bedrückt hatten. Aber da hemmte seinen Fuß und fesselte seinen Blick einer, der das besaß, was ihm fehlte, – himmelantragende, raumdurchmessende Flügel.

Von Süden her kam ein Adler geflogen, kam näher und beschrieb, ohne die mächtigen Schwingen zu regen, hoch über ihm schwebend immer den gleichen Kreis. Dieses Schauspiel ließ Eike nicht los, und er folgte mit den Augen dem Zuge des stolzen Fliegers. Vogelflug hatte im alten Rom eine prophetische Bedeutung, und den unverwandt Hinaufspähenden durchzuckte ein seltsamer Gedanke. Sollte das eine Botschaft an ihn aus weiter Ferne sein? Sandte den Beherrscher der Lüfte, den König der gefiederten Welt ihm ein anderer Herrscher, ein wirklicher König zu, Kaiser Friedrich der Hohenstaufe, mit Wink und Mahnung, allen Kleinmut aus seiner Seele zu verbannen und sich mit den Schwingen des Geistes zu freier Schaffenskraft zu erheben, sein Werk freudig zu fördern und glücklich zu vollenden? Ja! so war es, so sollte es sein, so nahm es Eike hin und winkte dem kaiserlichen Sendboten dort oben seinen Dank dafür zu, daß er ihm wieder Vertrauen und Zuversicht zu seiner Arbeit eingeflößt hatte.

Nun ging er fröhlich und leicht wie selber von Fittichen getragen bergab und pflückte unterwegs eine Handvoll Waldblumen, die er zu einem Strauße für Gräfin Gerlinde band.

Zeitig genug vor Mittag durchschritt er das Burgtor, eilte treppauf und begab sich zu der Kemenate der Gräfin. Ehe er jedoch ganz heran war, vernahm er Saitenklänge darin, näherte sich behutsam der Tür und horchte. Es war nur ein lebhaft bewegtes Vorspiel gewesen, denn jetzt begann Gerlinde zu singen und Wort für Wort verstand der Lauschende den Text ihres Liedes.

Von den Saiten soll es brausen,
Was am hellen Tag mit Macht
Mich bestürmt, mit leisem Grausen
Mich beschleicht in dunkler Nacht.