Die Stimmung auf der St. Ulrichsburg war eine niedergeschlagene, so sehr auch Herzelande sich bemühte, die Unterhaltung, die sie geschickt auf andere, unverfängliche Gebiete hinübergeleitet hatte, einigermaßen im Gange zu erhalten. Egenolf war der Einzige, der die Wendung der Dinge, wie sie heute lagen, als eine für ihn und seine Herzenswünsche günstige betrachten konnte, nachdem er aus seines Vaters Munde den Entschluß vernommen hatte, die Thiersteiner nicht befehden zu wollen, aber frei von dem auf Allen lastenden Drucke fühlte auch er sich nicht. Ihn dauerten Freund und Schwester, und mehr als einmal sah er, wie die Beiden einen traurigen Blick wechselten, als früge Jeder den Andern: was wird nun aus uns?

Bruno wollte aufbrechen und heimreiten, um den Sturm, der aus seines Vaters Zorn über ihn daherbrausen würde, so bald wie möglich zu bestehen und dann hinter sich zu haben. Er ließ sich jedoch von Schmasman und Herzelande, die ihn von Klein auf kannten und daher auch jetzt noch Du nannten, leicht zum Bleiben bewegen.

Endlich regte sich bei Allen der Wunsch, den Zwang von Umständen, an denen vorläufig nichts zu ändern war, von sich abzuschütteln, und in diesem Bestreben kam es am Abend, als Egenolf mit Erfolg darauf drang, aus dem Schloßkeller einige Herzstärkungen heraufholen zu lassen, noch zu einem ganz vergnüglichen Beisammensein. Auch Schmasman, der eine gewisse Beruhigung darin fand, daß er seine Willensmeinung wegen der Fehde von der Seele herunter hatte und Burkhard nun Kunde davon erhielt, war gesonnen, sich jetzt einer frohen Geselligkeit hinzugeben, und genoß mit Behagen die edlen Tropfen, die sein heute schier übermüthiger Sohn auftischen ließ. Und Herzelande, die vornehm und liebreich waltende, klug und mild alles Widerwärtige zum Guten kehrende Schloßfrau, saß ihm mit lachenden Augen gegenüber und freute sich, ihn wieder heiter zu sehen. Selbst Bruno vergaß an Isabella's Seite der drohenden Wolken, die über seinem schuldlosen Haupte schwebten, und Isabella war mehrmals in seligen Träumen versunken, aus denen sie erst Anrede oder Frage eines Anderen weckte.

Als nun der alte, seinen Beruf nie verfehlende Freudenbringer die Lebensgeister angefacht hatte, wandte sich Bruno plötzlich mit einem fast feierlichen Tone zu Schmasman und sagte: »Herr Graf, ich habe eine Bitte an Euch, eine große Bitte.«

Isabella erschrak und warf einen ängstlichen Blick auf ihren Bruder, den es auch durchfuhr: er wird doch nicht –?

»Laß sie hören, Bruno!« rief Schmasman freundlich und geneigt ihm zu.

Bruno hub an: »Der Pfeiferkönig hat unsern Seppele von Ottrott auf neun Tage in den Thurm gesperrt wegen eines Spottliedes auf den Falkenwirth in Grendelbruch. Zur Hälfte hat er die Strafe schon verbüßt, und nun bitte ich Euch als den Schutz- und Lehnsherrn der Spielleute: erlaßt ihm in Gnaden die andere Hälfte und gebt den Seppele frei. Ihr würdet meinem Vater damit eine Freude machen, und es würde nicht wenig zu seiner Besänftigung beitragen, wenn ich ihm nach der anderen, sehr unwillkommenen die tröstliche Meldung von Seppele's Freilassung überbringen könnte.«

Isabella athmete auf, und Egenolf mußte nun selbst darüber lächeln, welche Übereilung er seinem Freunde Bruno zugetraut hatte.

Schmasman antwortete nicht gleich, aber als ihm Herzelande eifrig zunickte, sprach er: »Nun gut, Deine Bitte soll erfüllt werden, Bruno. Egenolf mag morgen mit Dir nach Rappoltsweiler hinunter reiten; da geht ihr zum Frohnvogt und verkündet ihm in meinem Namen Seppele's Begnadigung. Dann kannst Du den Nichtsnutz gleich mitnehmen.«