Herzelande hörte ihn ruhig an und sagte darauf: »Den Ritt nach Ottrott kannst Du Dir sparen; dieser Brief Stephania's, den sie mir durch einen Knecht gesandt hat, wird Dich aller Zweifel über Burkhards wahre Absichten entheben.« Sie reichte ihm das Blatt, und Schmasman las, was Frau Stephania geschrieben hatte.
Meine herzliebe Frau Gevatterin Gräfin Herzelande!
Freundlichen Gruß und alles Guts zuvor! Mit beschwertem Gemüth, aber in gutherziger Meinung schreibe ich Euch diesen angsthaftigen Brief. Mein lieber Herr und Gemahl ist ob der betrübsamen Kunde, so ihm unser Sohn vom Grafen Schmasman überbracht hat, in einer ganz erschrecklichen, zornmüthigen Verfassung und läßt sich durch keine Beschwichtigungen mit guter Vernunft zu einem gebührlichen Einsehen bewegen. Graf Schmasman will von der stattgehabten Abrede, dem Grafen Thierstein auf Leib und Leben, Gut und Blut abzusagen, zurückzucken, und Burkhard schilt ihn ein Mal übers andere wortbrüchig und bundbrüchig und droht, auch euch Rappoltsteiner mit gewaffneter Hand anzufallen, wenn Graf Schmasman nicht steifhält, was er gelobt hat. O meine großgünstige Freundin, was soll aus so beschaffenen Umständen werden? Zwietracht und Uneinigkeit ist das größte Gift auf Erden, und nun gar zwischen alten Freunden, die ihr Lebtag in gutem Frieden mit einander ausgekommen sind. Mein Gemahl hat ein unruhig Herz und einen stolzen Kopf; er will bei seinem gefaßten Fürhaben beharren und die ihm von dem Thiersteiner angethane Schmach mannlich rächen. Er will nicht ablassen, bis er ihn von der Hohkönigsburg vertrieben hat, und mich will fast bedünken, als hätte er dabei noch einen anderen Endzweck im Auge, den er mir nicht aufdecken will. Ihr könnt leichtlich entnehmen, daß ich groß Überlast mit ihm habe und, wie schon gemeldt, in zitternden Ängsten und Sorgen bin, daß daraus viel Unsegen und Leiden erwachsen. Aus diesen bewegenden Ursachen bitte ich Euer Liebden im Namen Gottes, doch ja mit größter Fürsichtigkeit zu thun, was in Euren Kräften steht, daß zwischen unseren beiden Herren Friede und Eintracht bleibt, und vertraue herzhaft auf Euch, daß Ihr Euren Ehgemahl dazu vermögt, dem meinigen Wort zu halten und ihn nicht im Stich zu lassen.
Der Allmächtige erhalte Euch bei langwieriger, bequemer Gesundheit, und wollet meiner im Guten nicht vergessen.
Zu aller Lieb und allem Dienst
Eure
treuverbundene Freundin und Gevatterin
Stephania von Rathsamhausen.
Schmasman war vom Lesen dieses Briefes tief erschüttert. Er schritt ein paarmal schwer athmend im Zimmer auf und ab und rief mit grollender Stimme: »Wortbrüchig, bundbrüchig nennt er mich, – das ertrag' ich nicht!« Dann blieb er vor Herzelande stehen. »Hab' ich es euch nicht gesagt: ein Wort ist ein Wort und bleibt ein Wort? Sie hat ganz Recht, ich kann nicht zurück, ich muß steifhalten, was ich gelobt habe. Ein Wortbruch ist das Abscheulichste, was ich kenne.«
»Und willst ihm helfen, die Hohkönigsburg zu erstürmen und sich darin festzusetzen?« fragte Herzelande.