Früher als nöthig war er von Hause weggeritten, um in der Waldeinsamkeit zu immer wieder neuer Überlegung Zeit zu haben, was er thun sollte, und blieb dann doch bei dem Entschlusse, den er schon vor Tagen gefaßt hatte.

Er wollte ihr offen sagen: ich liebe Dich über Alles in der Welt, und Dich zu besitzen wäre das höchste Glück meines Lebens, aber ich darf nicht um Dich werben, weil es mir ein Hinderniß verbietet, das wegzuräumen nicht in meiner Macht liegt. Dieses Hinderniß würde sie sofort erkennen, sobald an ihren Vater die Absage seiner Gegner kam, die ja nicht lange mehr ausbleiben konnte.

Was dann geschah, was die Zukunft brachte, konnte Niemand voraussehen. Die Fehde würde beginnen und würde auch einmal endigen. Aber – wie die Entscheidung des Kampfes auch ausfallen mochte – ob dann, nach geschlossenem Burgfrieden, eine Verbindung zwischen den Familien des Siegers und des Besiegten überhaupt noch möglich war und zu Stande kommen würde, blieb immerhin höchst fraglich.

Unter so düsteren Betrachtungen hatte sich Egenolf allmählich der Stelle genähert, wo er damals Leontinens rufende Stimme und den Widerhall darauf vernommen hatte, und jetzt sah er die Geliebte auch schon langsam dahergeritten kommen. Er galoppirte ihr entgegen, aber sie that nicht das Gleiche, sondern ließ ihr Pferd im ruhigen Schritt.

Als er sie erreicht hatte und ihr die Hand bot, legte sie die ihrige nur leicht hinein, ohne den Druck der seinigen zu erwiedern, und sah ihn mit einem langen, theils forschenden, theils traurigen Blick an.

»Ich bin gekommen, Graf Egenolf,« begann sie mit wahrnehmbarer Ergriffenheit, »weil ich es Euch versprochen hatte und weil unser heutiges Wiedersehen doch wohl das letzte und ein Abschied für immer ist.«

»Ein Abschied für immer?« sprach er erschrocken, »wie meint Ihr das, Gräfin Leontine?«

»Solltet Ihr nicht wissen, was ich weiß?« fragte sie mit leisem Vorwurf.

»Was wißt Ihr, Gräfin Leontine? sagt es frei heraus!« bat er dringend.

»Ich weiß, daß Euer Vater, Graf Schmasman, meinem Vater auf Gut und Blut absagen will. Ist es so, oder ist es nicht so?«