»Es ist so,« kam es ihm dumpf und schwer von den Lippen. »Seit wann wißt Ihr's?«

»Erst seit gestern,« erwiederte sie.

Er lenkte sein Pferd ihr zur Rechten und ritt nun auf dem schmalen Waldwege neben ihr. Ihm war es eine große Erleichterung, daß sie es schon wußte und er es ihr nicht zu sagen brauchte, aber eine noch viel größere Freude, daß sie trotzdem zu dem Stelldichein gekommen war.

»Ihr fragt nicht, woher ich es weiß, aber ich will es Euch sagen,« fing sie wieder an. »Mein Vater zeigte schon den Abend vorher ein seltsam erregtes und gegen seine Gewohnheit verschlossenes Wesen, als trüge er sich mit Sorgen oder ränge mit schweren Entschlüssen. Gestern Morgen stellte er mir Fragen, über die ich mich im Stillen wundern mußte. Welche Aufnahme ich bei Euch auf der Sanct Ulrichsburg gefunden hätte, ob Ihr Alle freundlich zu mir gewesen wäret, ob ich keine verlegene oder gedrückte oder gar feindselige Stimmung gegen mich oder gegen ihn bemerkt hätte. Ich sagte: nein, nicht im Mindesten, Ihr hättet mich herzlich willkommen geheißen, auch alle drei Herren Grafen, die dort zu einer wichtigen Unterredung versammelt gewesen wären. Da fuhr er zornig auf und rief: ›alle drei Brüder zusammen? so ist es richtig; da haben sie Rath gehalten und den Plan geschmiedet, und ich weiß auch, wer dahinter steckt und es angezettelt hat.‹ ›Welchen Plan denn?‹ fragten meine Mutter und ich zugleich. ›Absagen wollen sie mir auf Leben und Tod, die Rappoltsteiner und die Rathsamhausen. Ich habe es schwarz auf weiß von sicherer, gut befreundeter Hand,‹ erwiederte er heftig und schritt, ohne uns eine Aufklärung zu geben, eilig hinaus. Dann ließ er seinen Bruder Wilhelm rufen und hatte mit ihm eine lange Besprechung in seinem Zimmer. Später erfuhr ich von meiner Gürtelmagd, daß Tags vorher ein Fleckenstein'scher Knecht dagewesen wäre und ein Schreiben seines Herren überbracht hätte. Dieses Schreiben muß wohl eine Mittheilung, eine Warnung an meinen Vater enthalten haben. Fragen mag ich ihn nicht; er würde mir auch nicht Rede stehen.«

»Es ist Alles so, wie Ihr sagt, Gräfin Leontine,« sprach Egenolf, »und ich weiß es auch, wer dahinter steckt, Herr Burkhard von Rathsamhausen, kein Anderer. Er will sich an Eurem Vater für eine von diesem ihm zugefügte Beleidigung rächen und hat meinen Vater nach dessen langem, heftigem Widerstreben überredet, ihm beizustehen. Mir scheint, sie pflegen noch Unterhandlungen mit anderen Freunden und halten es darum noch geheim vor Eurem Vater, aber Burkhard muß wohl geschwatzt und sich damit gebrüstet haben, so daß Herr von Fleckenstein davon Kunde erhalten und Euren Vater gewarnt hat.«

»Seht, Ihr wißt soviel wie ich,« sagte Leontine, »und seid auch wohl nur hergekommen, um mir das mitzutheilen und um – und – weil es einmal verabredet war,« fügte sie aus gepreßtem Herzen hinzu.

Ein schmerzliches Lächeln umschwebte seine Lippen. »Nein, nicht darum. Ahnt ihr denn wirklich nicht, Leontine, wozu ich Euch um dieses Stelldichein gebeten habe?«

»Und wenn ich es riethe?« sprach sie erröthend, »wenn ich es riethe, was Ihr vorhattet, – jetzt habt Ihr es aufgegeben, nicht wahr? es muß ja sein.«

»Nun und nimmermehr!« rief er. »Leontine, – seht mir in die Augen! ach! wozu noch fragen! Ihr wißt es, daß ich Euch liebe, hört es nun aus meinem Munde, daß ich ohne Euch nicht leben kann, mag kommen, was will! Was sagt Ihr?«

Sie sah ihn innig, freudestrahlend an und sprach: »Egenolf, diesmal tönt unser Waldesecho aus der Tiefe meines Herzens: mag kommen, was will!« Und mit einer raschen Bewegung streckte sie ihm entschlossen die Hand entgegen.