»Euch Schicksal verkünden,« erwiederte sie keck. »Ihr liebt euch, aber noch habt euch nicht, müßt es verschweigen.«
»Was weißt Du davon, fürwitziges Ding!«
»Hat Haschop nicht Augen zum Sehen und Ohren zum Hören? Ich hab euch in meiner Hütte zur Mitternachtsstunde Karten gelegt, und im Vollmond hab ich's erkannt: weissagen nichts Gutes für euch, nein, Schlimmes, sehr Schlimmes.«
»Behalt Deine Weisheit für Dich! uns verlangt nicht danach,« fuhr sie Egenolf ungeduldig an. »Weg da! oder –«
»Laß sie sprechen!« flüsterte Leontine ihm zu.
Haschop hob mit drohender Gebärde die Hand und sprach: »Verachtet nicht Wahrheit aus wissendem Munde!« Sie warf sich ihr scharlachenes Obergewand vom Rücken herauf über Haupt und Schultern, daß sie wie von einem rothen Schleier umwallt dastand, aus dem ihr gebräuntes Antlitz mit den schwarzen, funkelnden Augen höhnisch heraussah. Dann fuhr sie in prophetischem Tone fort: »Graf freit um stolze Gräfin. Auf glänzenden Festen spann Schicksal seine Fäden um sie, und nun sind umgarnt von Gefahr und Unheil, von Liebe gefangen wie Fische im Netz. Wehe beiden! Väter sind Feinde, sinnen auf Streit, rüsten zum Kampf. Aber es muß harter Winter sein, ehe ein Wolf andern frißt, und nicht so schnell fahren Schwerter aus den Scheiden. Jeder scheut sich, ersten Streich zu führen, und doch wird er fallen und Einer bluten, das ist der Besiegte. So sagten Karten um Mitternacht beim Scheine des Vollmonds. Nun wißt ihr Wahrheit. Laßt ab von einander, oder es fließt Blut um euch!« schloß die Zigeunerin und schlug ihr Kleid von Haupt und Schultern wieder zurück.
Leontine war von dem Gehörten tief erschüttert; sie starrte vor sich hin und rührte sich nicht. »Komm weiter!« erinnerte sie Egenolf.
»Halt! ein Wort noch!« sprach Haschop und trat einen Schritt zurück. »Hütet Euch, schöne, goldlockige Gräfin! Eine steht Euch im Wege und bietet Euch Trotz in allen vier Winden.«
»Du Hexe!« rief Leontine jetzt empört und trieb ihr Pferd auf sie los. »Da hast Du den Lohn für Deinen Unglückssegen!« Sie holte mit der Reitgerte aus; aber Haschop sprang zur Seite, daß der pfeifende Hieb nur eben noch ihre Schulter traf.
Das Mädchen schrie auf und stieß mit einem Blicke tödtlichen Hasses eine Verwünschung oder Drohung in fremder Sprache aus, wobei sie wie eine gereizte Schlange zischte. Dann verschwand sie im Dickicht.